Samstag, Februar 24, 2007

Die Wohnungen beim Vater



Evangelium und Predigt im Rahmen von Heilungsexerzitien

Aus dem hl. Evangelium nach Johannes 14:1-14

1 Euer Herz lasse sich nicht verwirren. Glaubt an Gott, und glaubt an mich!
2 Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen. Wenn es nicht so wäre, hätte ich euch dann gesagt: Ich gehe, um einen Platz für euch vorzubereiten?
3 Wenn ich gegangen bin und einen Platz für euch vorbereitet habe, komme ich wieder und werde euch zu mir holen, damit auch ihr dort seid, wo ich bin.
4 Und wohin ich gehe - den Weg dorthin kennt ihr.
5 Thomas sagte zu ihm: Herr, wir wissen nicht, wohin die gehst. Wie sollen wir dann den Weg kennen?
6 Jesus sagte zu ihm: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater außer durch mich.
7 Wenn ihr mich erkannt habt, werdet ihr auch meinen Vater erkennen. Schon jetzt kennt ihr ihn und habt ihn gesehen.
8 Philippus sagte zu ihm: Herr, zeig uns den Vater; das genügt uns.
9 Jesus antwortete ihm: Schon so lange bin ich bei euch, und du hast mich nicht erkannt, Philippus? Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen. Wie kannst du sagen: Zeig uns den Vater?
10 Glaubst du nicht, daß ich im Vater bin und daß der Vater in mir ist? Die Worte, die ich zu euch sage, habe ich nicht aus mir selbst. Der Vater, der in mir bleibt, vollbringt seine Werke.
11 Glaubt mir doch, daß ich im Vater bin und daß der Vater in mir ist; wenn nicht, glaubt wenigstens aufgrund der Werke!
12 Amen, amen, ich sage euch: Wer an mich glaubt, wird die Werke, die ich vollbringe, auch vollbringen, und er wird noch größere vollbringen, denn ich gehe zum Vater.
13 Alles, um was ihr in meinem Namen bittet, werde ich tun, damit der Vater im Sohn verherrlicht wird.
14 Wenn ihr mich um etwas in meinem Namen bittet, werde ich es tun.



„Euer Herz lasse sich nicht verwirren!“ Dieses aufmunternde Wort ruft Jesus seinen Jüngern in einer kritischen Situation zu: Es ist vom Verrat des Judas und des Petrus die Rede. Es zeichnet sich mehr und mehr ab, dass die Jünger Jesus verlieren werden. Jesus ist für sie der Mensch geworden, bei dem sie sich sicher fühlten; bei dem sie geborgen waren; der sie liebte; der sie beschützte. Sie waren dauernd mit Jesus unterwegs und hatten keinen bleibenden Ort als Zuhause, denn Jesus war ihr Daheim, ihr Zuhause.
Nun taucht jedoch das Schreckgespenst auf, diesen Jesus und damit die Heimat, die er geschenkt hat, zu verlieren. Den Jüngern drohte Heimatlosigkeit, Obdachlosigkeit in einem Leben ohne Jesus.

Jeder von euch, die ihr zu diesen Heilungsexerzitien hergekommen seid, wurde von einer bestimmten Form von Heimatlosigkeit hergeführt; und jeder von euch hofft aus dieser notvollen Situation herausgeführt zu werden. Es ist bestimmt nicht wenig, das euch mit den Jüngern im Evangelium verbindet.

Darum gilt sowohl den Jüngern als auch euch der Zuruf Jesu: „Euer Herz lasse sich nicht verwirren!“ Er nennt das Übel der Verwirrung aber nicht nur beim Namen; er fügt gleich auch das Heilmittel für dieses Übel an: „Glaubt!“ Und dann die Wurzel, aus der dieser Glaube die heilende Kraft vermittelt: Gott, den Vater und ihn selber: „Glaubt an Gott und glaubt an mich!“
Warum sollen sie an Gott und an ihn glauben? Weil sie bei Gott und bei ihm Antwort finden auf ihre kommende Unbehaustheit in der Zeit des Leidens und Sterbens Jesu: Jesus richtet nämlich ihr Leben aus auf Gott; er lenkt ihren Lebensweg hin auf Gott. Dort setzt er das Ziel für diesen Weg in den vielen Wohnungen, die es dort für sie gibt. Und sein Weggehen von ihnen in Leiden und Tod dient ganz der Aufgabe, ihnen diese Wohnungen zu bereiten. Und es ist dies dasselbe Ziel auf das hin auch Jesus unterwegs ist. Jesus wird ihnen also durch Leiden und Tod genommen, damit er ihnen den Weg frei machen kann hin zum Vater und damit sie dann dort beim Vater sein können, wo auch Jesus sein wird.

Es ist schon faszinierend wie im Verhalten Jesu seine Treue zu den Jüngern aufleuchtet: So wie bisher geht er ihnen auch jetzt voran zum Vater; ja, sein bisheriges Vorangehen war schon ein verborgenes Hingehen zum Vater. So wie bisher ist Jesus auch in seinem Leiden und Sterben für seine Jünger da, indem er ihnen beim Vater die Wohnung bereitet.

Er ist der Makler, der den obdachlosen Jüngern eine Wohnung beim Vater bereitet. Dabei steht nicht der Preis im Vordergrund wie bei einer Wohnungssuche hier auf Erden. Den Preis bezahlt der Herr selber: Es ist sein kostbares Blut, das er für uns vergießt. Es gehört zu seinem Dienst an den Jüngern und an der ganzen Menschheit, dass er ihnen beim Vater eine Wohnung bereitet.
Im Mittelpunkt ist vielmehr die unübertreffliche Qualität dieser Wohnung, die darin besteht, ganz bei Gott sein zu dürfen oder wie es Paulus im Kol 3:3 ausdrückt: „Euer Leben ist mit Christus verborgen in Gott.“

Es ist sicher zu kurz gefasst, wenn wir in dieser Situation nur die heraufdämmernde Trauer wegen des Abschiedes von Jesus sehen. Es ist auch jene Vorfreude da, die im Psalm 122:1-3 anklingt: „Ich freute mich, als man mir sagte: «Zum Haus des Herrn wollen wir pilgern.» Schon stehen wir in deinen Toren, Jerusalem: Jerusalem, du starke Stadt, dicht gebaut und fest gefügt.“ Jesus steht mit seinen Jüngern gleichsam an den Toren des himmlischen Jerusalem. Was Jesus bereits klar sehen kann ist ihnen noch verborgen, da ihr Glaube im Leiden noch nicht geläutert und durch den Hl. Geist noch nicht erleuchtet ist.

Wir müssen auch sehen, dass Gott auf diese Weise eine alte Sehsucht seines Volkes erfüllt. Denn durch Jesus lenkt er in seiner Güte das Volk, das er erlöst hat, und führt es machtvoll zu seiner heiligen Wohnung. (Vgl. Ex 15:13) Gott blickt im Handeln Jesu von seiner heiligen Wohnung, vom Himmel, herab, und segnet sein Volk. (vgl. Deut 26:15) Ja, es wird neue und ungeahnte Wirklichkeit, was von Gott seit jeher gesagt wurde: „Eine Wohnung ist der Gott der Urzeit.“ (Vgl. Deut 33:27) In Jesus „sendet Gott sein Licht und seine Wahrheit, damit sie uns leiten; sie sollen uns führen zu seinem heiligen Berg und zu seiner Wohnung.“ (vgl. Ps 43:3) In ihm ist Gott in seiner heiligen Wohnung ein Vater der Waisen. (vgl. Ps 68:6) So bringt Gott die Verlassenen heim und führt die Gefangenen hinaus in das Glück.“ (Ps 68:7) Verschleiert durch das kommende Leiden und Sterben des Herrn ist bereits österlicher Jubel da über die Wohnungen des Herrn: „Wie liebenswert ist deine Wohnung, Herr der Heerscharen! Meine Seele verzehrt sich in Sehnsucht nach dem Tempel des Herrn. Mein Herz und mein Leib jauchzen ihm zu, ihm, dem lebendigen Gott. Auch der Sperling findet ein Haus und die Schwalbe ein Nest für ihre Jungen - deine Altäre, Herr der Heerscharen, mein Gott und mein König. Wohl denen, die wohnen in deinem Haus, die dich allezeit loben.“ (Ps 84:1-5)

Diese ganze Botschaft des Alten Bundes schwingt bei Jesus mit, wenn er von den Wohnungen bei seinem Vater spricht. In dieser uralten Sehnsucht nach den Wohnungen Gottes kommt die Ursehnsucht des Menschen nach dem Sein und Bleiben bei Gott zum Ausdruck. Wir sehen vor uns die Berufung des Menschen, bei Gott zu sein. Wir hören die Frage beantwortet nach dem endgültigen Ziel seines Lebens.

Die Ursehnsucht nach Gott ist es, die uns leiden macht, wenn wir von Gott fern sind. Sie ist es, die den verlorenen Sohn bei sich Einkehr halten und ihn aufbrechen lässt zurück zu seinem Vater. (vgl. Lk 15:17-21) Sie ist es auch, die euch hierher geführt hat zu diesen Heilungsexerzitien und die euch diese Tage zu Tagen der Beheimatung bei Gott macht.

Es ist wie eine Antwort des Apostels Paulus auf das Evangelium des Johannes, wenn er im Kolosserbrief aufruft: „Darum strebt nach dem, was im Himmel ist, wo Christus zur Rechten Gottes sitzt. Richtet euren Sinn auf das Himmlische und nicht auf das Irdische!“ (Col 3:1-2) Hier ist die Rede vom Christus nach seinem Leiden und Sterben; vom auferstandenen Christus. Wir sehen hier Christus nachdem er getan hat, was er vor seinem Leiden und Sterben den Jüngern verheißen hat: dass er ihnen beim Vater eine Wohnung bereitet.
Es gilt nun für uns, in Anspruch und in Besitz zu nehmen, was Christus uns verheißen und bereitet hat: unsere Wohnungen beim Vater! Alle Voraussetzungen dafür sind uns geschenkt, denn „unsre Seele ist wie ein Vogel dem Netz des Jägers entkommen; das Netz ist zerrissen, und wir sind frei.“ (Ps 124:7) oder mit den Worten aus der Lesung: „Ihr seid mit Christus auferweckt!“ (Kol 3:1a) Wir sind „zu einem neuen Menschen geworden, der nach dem Bild seines Schöpfers erneuert wird, um ihn zu erkennen.“ Nicht: ‚erneuert wurde’ sondern: ‚erneuert wird’ Wir sind mitten drinnen in diesem Erneuerungsprozess, der sein Ende erst finden wird, wenn wir in den Wohnungen beim Vater angelangt und wir dort sind wo Christus ist. (vgl. Joh 14:3) Dass wir nun tatsächlich den alten Menschen mit seinen Taten abgelegt haben erweist sich darin, dass wir je und je „töten, was irdisch an uns ist: die Unzucht, die Schamlosigkeit, die Leidenschaft, die bösen Begierden und die Habsucht, die ein Götzendienst ist.“ (Col 3:5)

Wir stehen vor dem Herrn als überreich beschenkte: Denn „in der Taufe haben wir alle Christus als Gewand angelegt“ (Gal 3:27) und so sind wir endgültig „gerettet, doch in der Hoffnung“ (Röm 8:24)
Zugleich stehen wir vor IHM als Herausgeforderte, die geschenkte Erlösung mit zu vollziehen indem wir all das überwinden, was uns scheiden möchte von der Liebe Christi: Bedrängnis, Not, Verfolgung, Hunger, Kälte, Gefahr, Tod und Leben, Engel und Mächte, Gegenwärtiges und Zukünftiges, Gewalten der Höhe und der Tiefe. Und wir können all das überwinden in Jesus Christus, der uns liebt. (vgl. Röm 8:35-39) Er ist unsere Kraft und Stärke. Amen!

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