Freitag, Januar 26, 2007

Der springende Punkt



Aus dem hl. Evangelium nach Lukas 4: 21 – 30

21 Da begann er, ihnen darzulegen: Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt.
22 Seine Rede fand bei allen Beifall; sie staunten darüber, wie begnadet er redete, und sagten: Ist das nicht der Sohn Josefs? 23 Da entgegnete er ihnen: Sicher werdet ihr mir das Sprichwort vorhalten: Arzt, heile dich selbst! Wenn du in Kafarnaum so große Dinge getan hast, wie wir gehört haben, dann tu sie auch hier in deiner Heimat!
24 Und er setzte hinzu: Amen, das sage ich euch: Kein Prophet wird in seiner Heimat anerkannt.
25 Wahrhaftig, das sage ich euch: In Israel gab es viele Witwen in den Tagen des Elija, als der Himmel für drei Jahre und sechs Monate verschlossen war und eine große Hungersnot über das ganze Land kam.
26 Aber zu keiner von ihnen wurde Elija gesandt, nur zu einer Witwe in Sarepta bei Sidon.
27 Und viele Aussätzige gab es in Israel zur Zeit des Propheten Elischa. Aber keiner von ihnen wurde geheilt, nur der Syrer Naaman.
28 Als die Leute in der Synagoge das hörten, gerieten sie alle in Wut.
29 Sie sprangen auf und trieben Jesus zur Stadt hinaus; sie brachten ihn an den Abhang des Berges, auf dem ihre Stadt erbaut war, und wollten ihn hinabstürzen.
30 Er aber schritt mitten durch die Menge hindurch und ging weg.



Im Rahmen seiner „Primiz“ erlebt Jesus innerhalb kürzester Zeit Höhen und Tiefen eines Predigers: Seine Rede findet zuerst bei allen Beifall; sie staunen darüber, wie begnadet er redete. (Lk 4,22)
Und dann am Ende seines Predigtdienstes rasten sie aus: als sie hörten, was er ihnen sagte, gerieten sie alle in Wut. Sie sprangen auf uns trieben ihn zur Stadt hinaus; dort wollten sie ihn einen Abhang hinabstürzen. (Lk 4,28)

Wie ist dieser Umschwung in der Gunst seiner Zuhörer zu verstehen? Was hat Jesus falsch gemacht? Er hat doch nur etwas getan, was bei den Leuten normalerweise doch ankam: er hat Geschichten erzählt: Von Elias und der Witwe und von Elischa und dem Syrer Naaman.
Allerdings hat er diese Geschichten aktualisiert, das heißt: in seine Gegenwart herübergeholt. Er hat den Leuten gesagt: So wie diese beiden Propheten von ihren Leuten nicht gehört und anerkannt wurden – so werde auch er von seinen Zuhörern verkannt.
So wie sich damals die Leute verschlossen haben für die Botschaft, die Gott ihnen durch seine Propheten ausrichten wollte – so werden sich seine Zuhörer seinen Worten verschließen, die Gott durch ihn ausrichten möchte.
Das sind gleich mehrere dicke Brocken, die Jesus den Leuten seiner Heimat serviert:
Zum einen unterstellt er ihnen Schwerhörigkeit oder gar Taubheit der Botschaft Gottes gegenüber
zum anderen stellt sich Jesus in die Reihe der Propheten und gibt so seinen Leuten zu verstehen, dass er mehr ist als bloß der Sohn Josephs und
zum Dritten macht er sie darauf aufmerksam, dass Gott ein Herz hat nicht nur für sein auserwähltes Volk sondern auch für die Menschen außerhalb dieses Volkes: für die Heiden.

Die Predigt Jesu muss für seine Leute wie eine kalte Dusche gewirkt haben, denn er hinterfragt ihr religiöses Selbstverständnis; er stellt zudem ihr Gottesbild in Frage und schließlich maßt sich Jesus einen Einfluss an auf ihre religiöses Leben. Das alles muss man erst einmal verdauen. Und es ist menschlich gesehen die Reaktion seiner Zuhörer nur allzu verständlich.

Mit diesen Ereignissen um seine Person zeichnet sich bereits sein Lebensschicksal ab von anfänglicher begeisterter Akzeptanz bis hin zur Ablehnung in seinem Tod am Kreuz. Das heutige Evangelium ist wie ein Präludium, in dem die wesentlichen Themen seines Lebens bereits anklingen.
So kehrt im Postludium seines Lebens die heutige Geschichte wieder im Hosannaruf beim Einzug in Jerusalem und im Ruf „Ans Kreuz mit ihm!“ vor Pilatus.

Das heutige Evangelium macht ein Grundbestreben im Leben und im Wirken Jesu deutlich, in dem er seine Zuhörer zu allen Zeiten ansprechen und betroffen machen will:
Er will sie aufwecken aus dem Schlaf ihrer Selbstsicherheit;
er will sie in ihrem Selbstverständnis in Frage stellen und dabei Engführungen aufbrechen, Oberflächliches vertiefen, Erstarrtes verlebendigen.
Er will ihre Gottesbeziehung aktualisieren und sie fragen, ob sie denn von ihrem Gott oder von ihren Göttern tatsächlich jenes Leben erhalten, das sie restlos zufrieden stellt. Dieses Update im Hinblick auf Gott ist beständig notwendig, weil wir immer in Gefahr sind, Gott nach unseren Vorstellungen zu gestalten und dabei vergessen, dass es Sinn und Ziel eines religiösen Lebens nur sein kann, uns nach Gottes Vorstellungen umzugestalten.
Und bei diesem Prozess möchte Jesus Wendepunkt in unserem Leben sein. Wendepunkt im Sinne eines springenden Punktes: Von dem alles beginnt und der uns auf unserem Weg begleitet.

Hoffentlich bringen wir im Gegensatz zu den Leuten seiner Heimat den Mut auf, unsere Defizite anzuschauen und anzunehmen; und hoffentlich haben wir auch das Vertrauen, uns von Jesus helfen zu lassen, denn er ist wohl der Sohn Josefs – aber er ist noch viel mehr: ER ist der Sohn des lebendigen Gottes!

Keine Kommentare: