Sonntag, Dezember 24, 2006

Ein Kind ist uns geboren


Aus dem hl. Evangelium nach Lukas 2: 1 – 14

1 In jenen Tagen erließ Kaiser Augustus den Befehl, alle Bewohner des Reiches in Steuerlisten einzutragen.

2 Dies geschah zum ersten Mal; damals war Quirinius Statthalter von Syrien.

3 Da ging jeder in seine Stadt, um sich eintragen zu lassen.

4 So zog auch Josef von der Stadt Nazaret in Galiläa hinauf nach Judäa in die Stadt Davids, die Betlehem heißt; denn er war aus dem Haus und Geschlecht Davids.

5 Er wollte sich eintragen lassen mit Maria, seiner Verlobten, die ein Kind erwartete.

6 Als sie dort waren, kam für Maria die Zeit ihrer Niederkunft,

7 und sie gebar ihren Sohn, den Erstgeborenen. Sie wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe, weil in der Herberge kein Platz für sie war.

8 In jener Gegend lagerten Hirten auf freiem Feld und hielten Nachtwache bei ihrer Herde.

9 Da trat der Engel des Herrn zu ihnen und der Glanz des Herrn umstrahlte sie. Sie fürchteten sich sehr,

10 der Engel aber sagte zu ihnen: Fürchtet euch nicht, denn ich verkünde euch eine große Freude, die dem ganzen Volk zuteil werden soll:

11 Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren; er ist der Messias, der Herr.

12 Und das soll euch als Zeichen dienen: Ihr werdet ein Kind finden, das, in Windeln gewickelt, in einer Krippe liegt.

13 Und plötzlich war bei dem Engel ein großes himmlisches Heer, das Gott lobte und sprach:

14 Verherrlicht ist Gott in der Höhe und auf Erden ist Friede bei den Menschen seiner Gnade.



„In jener Gegend lagerten Hirten auf freiem Feld und hielten Nachtwache bei ihrer Herde.“ (Lk2,8)

Verzeiht mir bitte, wenn ich die Predigt nicht mit der Frohbotschaft dieser Nacht oder mit dem Preisgesang der himmlischen Heerscharen beginne. Aber wenn ich bedenke, dass das heutige Evangelium mit der Geldgier eines Kaisers anfängt, dann komme ich mir bei meinem Predigtanfang noch gut vor – und das mit gutem Gewissen!
Was mir bei diesen Worten über die Hirten auf dem freien Felde besonders aufgefallen ist verbirgt sich im griechischen Begriff für das Lagern auf freiem Feld. „Agraulein“ heißt dieses griechische Wort und es heißt wörtlich übersetzt: Sein Feld zu seiner Wohnung machen.
Ich finde darin eine große Ähnlichkeit mit dem zentralen Geschehen der heutigen Nacht in der Geburt des Kindes aus Maria. Johannes wird dieses Ereignis im Evangelium der morgigen Festmesse so umschreiben: „Das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt.“ (Joh 1,14a)
Sein Feld zu seiner Wohnung machen nicht nur in dem Sinn, dass auch das Kind Mariens praktisch unter freiem Himmel geboren wurde sondern viel mehr noch im tieferen Sinne des Evangelisten Johannes: Gott hat sich auf dem Feld der Menschheit nieder gelassen und dort seine Wohnung errichtet. In dieser engen Verbindung mit den Hirten ist es begründet, dass sie zuerst von diesem Ereignis erfahren.

Noch etwas schließt die Hirten unter dem freien Himmel und das Kind in der Krippe zusammen: Die Hirten haben das Feld zu ihrer Wohnung gemacht, um ihre Schafe zu hüten. Sie erweisen sich so als gute Hirten, die ihrer Herde nahe sein wollen.
Genau das hat Gott aber auch bewogen, Mensch zu werden: Er will uns Menschen nahe sein; er will ein guter Hirt für seine Herde sein. Dies wird in der 1. Lesung angedeutet: „Seine Herrschaft ist groß, und der Friede hat kein Ende. Auf dem Thron Davids herrscht er über sein Reich; er festigt und stützt es durch Recht und Gerechtigkeit, jetzt und für alle Zeiten. Der leidenschaftliche Eifer des Herrn der Heere wird das vollbringen.“ (Jes 9,6) Diese Worte wecken die Erinnerung an David, der ja auch ein Hirte war, und den Gott von seiner Herde wegholte, damit er Hirte werde für sein Volk Israel. (vgl. 2 Sam 7,8)
Auch in der 2. Lesung tritt uns der gute Hirt entgegen – allerdings im Kleid des Erziehers, der uns zu einem besonnenen, gerechten und frommen Leben in dieser Welt führen möchte. (vgl. Tit 2,12)
Wir sehen also wie tief die Verwandtschaft ist zwischen den Hirten auf dem Feld und in dem Kind in der Krippe.
Kein Wunder also, dass die himmlischen Paparazzi zuerst den Hirten ihre gute Nachricht brachten. Die wussten schon damals, bei wem sie am ehesten mit ihren Neuigkeiten ankommen würden.

Bleibt uns die Frage, wie könnten wir in diese Verwandtschaft eintreten und mit der Empfänglichkeit der Hirten für die englische Botschaft beschenkt werden?
Ich meine dadurch, dass wir uns der Herde bewusst werden, die uns anvertraut ist; die uns im Verlauf unseres Lebens durch Liebe und Leid zugewachsen und angewachsen ist; und dass wir dieser Herde wieder bewusst nahe kommen und nahe bleiben, um für sie ein guter Hirt zu sein: unsere Familie – Kinder, Eltern, Verwandte; unsere Freunde; unsere Mitarbeiter; aber ebenso Menschen, die uns in irgendeiner Form zur Last geworden sind: diese Menschen ertragen, ihnen verzeihen, sich mit ihnen versöhnen, beständig für sie beten. Wenn wir diese Haltungen pflegen, dann machen auch wir unser Feld zu unserer Wohnung und wie von alleine ist die Verwandtschaft mit jenem Gott da, der heute im Erstgeborenen der seligen Jungfrau Maria Mensch wird;
wie von alleine gehören wir dann zu den Menschen guten Willens, die offen sind für die Botschaft der Engel: „Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren; er ist der Messias, der Herr.“ (Lk 2,11)

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