Freitag, November 03, 2006

Gott lieben mit ganzem Herzen


Aus dem hl. Evangelium nach Markus 12:28b – 34

Ein Schriftgelehrter ging zu Jesus hin und fragte ihn: Welches Gebot ist das erste von allen?
Jesus antwortete: Das erste ist: Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der einzige Herr.
Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deinen Gedanken und all deiner Kraft.
Als zweites kommt hinzu: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Kein anderes Gebot ist größer als diese beiden.
Da sagte der Schriftgelehrte zu ihm: Sehr gut, Meister! Ganz richtig hast du gesagt: Er allein ist der Herr, und es gibt keinen anderen außer ihm,
und ihn mit ganzem Herzen, ganzem Verstand und ganzer Kraft zu lieben und den Nächsten zu lieben wie sich selbst, ist weit mehr als alle Brandopfer und anderen Opfer.
Jesus sah, dass er mit Verständnis geantwortet hatte, und sagte zu ihm: Du bist nicht fern vom Reich Gottes. Und keiner wagte mehr, Jesus eine Frage zu stellen.




„Jesus antwortete: Das erste Gebot ist: Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der einzige Herr. Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deinen Gedanken und all deiner Kraft.“ (Mk 12,29f)
Je öfter wir uns diese Antwort Jesu wiederholen und je tiefer wir sie in unser Leben und in unser Herz sinken lassen umso deutlicher wird uns bewusst: Das ist nicht unser erstes Gebot – mögen wir darüber erschrecken oder nicht. Wissen wir überhaupt, was es bedeutet zu lieben mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele, mit allen Gedanken und mit aller Kraft? Haben wir jemals schon so geliebt? Und wenn ja – wer möchte die Hand erheben und behaupten, er habe Gott so geliebt? Ich kann das jedenfalls von mir leider nicht behaupten.
Kann es denn anders sein, als dass dieses Gebot uns von Anfang an als Mangelhafte vor Gott stehen lässt im Bekenntnis: Diese Liebe zu Gott hatten wir nicht, haben wir nicht und werden wir hier auf Erden nie haben. Und gebe Gott, dass wir sie im Himmel haben dürfen!
Allein schon wenn wir uns noch so fest vornehmen, mit Andacht zu beten oder die hl. Messe mitzufeiern, werden wir nach geraumer Zeit uns zerstreuen und mit den Gedanken abschweifen zu dem, was unser Herz eigentlich bewegt. Und beschämt werden wir vieles andere aufzählen müssen, das wir inniger lieben als den Herrn. Wir werden entdecken, dass die Liebeskraft unseres Herzens zerrissen und aufgeteilt ist auf vieles andere. Wir können die Schätze aufzählen, an denen unser Herz hängt (vgl. Mt 6,21) und oft genug ist Gott bloß einer, der unter anderen Schätzen unser Herz bewegt.
So ist diese Antwort des Herrn eine heilsame Korrektur für eine eingebildete Liebesfähigkeit ihm gegenüber, die wir in Wirklichkeit nicht haben. Sie ist eine sichere Lampe, mit der wir die Götzen unseres Lebens entdecken können, denen wir eigentlich dienen – oft sogar unter dem Vorwand, Gott zu dienen. Diese Antwort des Herrn hilft zu einer realistischen Selbsterkenntnis unserer Kraft, unserer Fähigkeit und unserer Innigkeit zu lieben und führt uns die wahren Götter unseres Lebens vor Augen.
Mit dieser oft genug schmerzlichen Einsicht in unser „liebendes“ Herz ist aber auch der erste Schritt getan zum Guten, zur Umkehr, zur Besserung. Denn diese Antwort des Herrn setzt zugleich allen Kräften unseres Lebens ein Ziel, das es wert ist, angestrebt zu werden. Es setz ihnen jenes Ziel, auf das hin wir Menschen geschaffen sind. Dieses Ziel ist Gott. „Und dass dieser Gott es wohl wert ist, ihn ein ganzes Leben lang zu suchen“ (Teresa von Avila) zeigt uns die Geschichte des Volkes Israel im Ersten Bund. Er berichtet vom unermesslichen Segen, den es gebracht hat, wenn Einzelne oder das ganze Volk diesen Gott liebten mit ganzem Herzen – und diese Liebe im Gehorsam Gott gegenüber ausdrückten. Unsere heilige Mutter Teresa selber hat vielfach erfahren, dass Gott allein tatsächlich genügt. In ihren Werken hat sie diese Erfahrungen auch für uns aufgeschrieben.
Abschließend möchte ich die Aufmerksamkeit jedoch auf eine Karmelitin richten, deren 100sten Todestag wir am kommenden Mittwoch feiern: Elisabeth von der Dreifaltigkeit. Eine besondere Erfahrung hat ihr geholfen, Gott mit allen Kräften ihres Lebens zu lieben; die Erfahrung ihres Namens „Elisabeth;“ er bedeutet „Wohnung Gottes.“ Die Wahrheit, vom dreifaltigen Gott bewohnt zu sein, hat ihre Liebe stark gemacht, hat alle Kräfte ihres Lebens auf diesen Gott hin gesammelt. Was dem Volk Israel von der Weisung des Herrn gesagt wurde: „Das Wort ist ganz nah bei dir, es ist in deinem Mund und in deinem Herzen, du kannst es halten.“ (Deut 30,14) Was Teresa im Bild von der Seelenburg erlebt hat, das hat Elisabeth in der Einwohnung des dreifaltigen Gottes erfahren. Diese Erfahrung hat sie jedoch nicht abgehoben – ganz im Gegenteil: Sie hat erkannt: diesen Gott aus ganzem Herzen zu lieben ist gleichbedeutend damit, ihre Mitschwestern aus ganzem Herzen zu lieben. So konnte ihre Priorin Mutter Germaine von ihr sagen, dass sie Elisabeth nie ungehalten oder ungeduldig den Mitschwestern gegenüber erlebt habe. Dabei war diese mitschwesterliche Liebe oft genug mit Tränen in den Augen erkämpft. Die Kraft, so zu lieben, ist ihr ohne Zweifel zugewachsen aus den Zeiten des Gebetes, in denen sie sich vertiefte in den dreifaltigen Gott in ihrem Herzen, den sie anbetete, dem sie sich hingab, dessen Lob der Herrlichkeit sie auf Erden und im Himmel mehr und mehr sein wollte. Amen!

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