Samstag, November 11, 2006

Das Scherflein der Witwe



Aus dem hl. Evangelium nach Markus 12:38 – 44

Er lehrte sie und sagte: Nehmt euch in Acht vor den Schriftgelehrten! Sie gehen gern in langen Gewändern umher, lieben es, wenn man sie auf den Straßen und Plätzen grüßt,
und sie wollen in der Synagoge die vordersten Sitze und bei jedem Festmahl die Ehrenplätze haben.
Sie bringen die Witwen um ihre Häuser und verrichten in ihrer Scheinheiligkeit lange Gebete. Aber umso härter wird das Urteil sein, das sie erwartet.
Als Jesus einmal dem Opferkasten gegenübersaß, sah er zu, wie die Leute Geld in den Kasten warfen. Viele Reiche kamen und gaben viel.
Da kam auch eine arme Witwe und warf zwei kleine Münzen hinein. örtlich: und warf zwei Leptá hinein, das ist ein Quadrans.
Er rief seine Jünger zu sich und sagte: Amen, ich sage euch: Diese arme Witwe hat mehr in den Opferkasten hineingeworfen als alle andern.
Denn sie alle haben nur etwas von ihrem Überfluss hergegeben; diese Frau aber, die kaum das Nötigste zum Leben hat, sie hat alles gegeben, was sie besaß, ihren ganzen Lebensunterhalt.



„Nur mache zuerst für mich ein kleines Gebäck und bring es zu mir heraus! Danach kannst du für dich und deinen Sohn etwas zubereiten.“ (1 Kg 17,13)

Ein erster Eindruck kann sein, dass mit diesem Wunsch sich Elia gar nicht wie ein Gentleman benimmt nach dem Motto: Ladies First! Eher lässt er an die Schriftgelehrten denken, von denen Jesus im Evangelium sagt, sie bringen die Witwen um ihre Häuser. (Mk 12,40) Wenn wir jedoch bedenken, wie hoch das Gebot der Gastfreundschaft in der hl. Schrift steht und wie sehr es fordert, dem Gast entgegenzukommen, dann ist die Bitte Elias überaus frauen- und menschenfreundlich, indem er nämlich von der Witwe nur jenes Maß an Entgegenkommen fordert, das auch ihr und ihrem Sohn noch zum Essen und Trinken übrig lässt. Er fordert also jenes Maß an Gastfreundschaft, das auch das eigene Wohl noch im Auge behalten darf.
Auf der anderen Seite sehen wir das Wort Jesu in Erfüllung gehen: „Wer euch auch nur einen Becher Wasser zu trinken gibt, weil ihr zu Christus gehört - amen, ich sage euch: er wird nicht um seinen Lohn kommen.“ (Mk 9,41) Denn der Mehltopf wurde nicht leer und der Ölkrug versiegte nicht, so dass die Frau mit Elia und ihrem Sohn viele Tage zu essen hatte. (1 Kg 17,15f.)
Betrachten wir nun die Witwe bei Sarepta zusammen mit der armen Witwe im Evangelium: Beide geben sie das Letzte her: Die Witwe in der Lesung die letzten Lebensmittel, die Witwe im Evangelium „ihren ganzen Lebensunterhalt“ (Mk 12,44) Die eine gibt es Elia, dem Propheten des Herrn; die andere gibt es in den Opferstock im Tempel des Herrn! Beide ehren sie durch ihre Gabe den Herrn, der sowohl in seinem Propheten wie auch in seinem Tempel wohnt. Durch die Gabe beider soll der Wohnstatt des Herrn geholfen werden: dem Elia, damit er überleben kann und dem Tempel, denn das Geld im Opferstock wird für die Erhaltung des Tempels verwendet. Beide geben so auf berührende Weise dem Herrn den absoluten Vorrang vor ihren eigenen Bedürfnissen. Beiden Witwen ist der Lohn des Herrn gewiss, wobei die Lebensfülle, die die Witwe von Sarepta sogleich erhält ein Hinweis ist auf jene weit größere Fülle der Witwe im Evangelium, die darin besteht, dass sich ihr Verhalten der Aufmerksamkeit und dem Herzen des Sohnes Gottes eingeprägt hat. Und es ist meines Erachtens unaussprechlich, welches Gebet für diese Witwe aus dem Herzen Jesu zu seinem Vater im Himmel emporgestiegen ist und welchen Segen dieses Gebet auf die Witwe herabgezogen hat.
Diese beiden Witwen lassen mich mit erneuter, tiefer Dankbarkeit an jene Frauen und Männer denken, die auch Gott die Ehre gegeben haben, indem sie mich und die Gotteshäuser unterstützten, für die ich als Seelsorger bisher zuständig war. Möge ihnen der Herr reichlich jenen Witwenlohn zukommen lassen, von dem wir in Lesung und Evangelium gehört haben.
Zugleich bitte ich den Herrn, dass alle, die seine Diener und sein Haus nach dem Vorbild aus dem Evangelium unterstützen (vgl. Lk 8,1-3) immer tiefer erfassen mögen, wie sehr sie dadurch recht eigentlich dem Herrn selber die Ehre geben, die ihm allein gebührt.
Schauen wir schließlich auf den Propheten und den Opferstock: Aus dem Opferstock nimmt man heraus, was die Leute hinein werfen; der Opferstock behält nichts für sich. Gerade so muss auch der Prophet sein: Was die Leute in ihn hinein geben, damit er zum Leben hat, das muss der Herr aus ihm herausnehmen dürfen. Und was nimmt der Herr heraus? Natürlich den Dienst, den sein Prophet und jeder seiner Diener am Volk zu tun hat – jeder gemäß seiner Berufung und seinem Auftrag. Sei es der Dienst der Leitung oder der Verkündigung; der Caritas oder der Unterweisung, der Heilung oder der Prophezeiung (vgl. Eph 4,7-16). Alle diese Dienste zielen auf die Verherrlichung des Herrn, die darin besteht, dass sein Volk den Weg geht, den ihm die Diener des Herrn in Wort und Tat zeigen und dass es auf diesem Weg Gerechtigkeit, Frieden und Freude im heiligen Geist findet und lebt (vgl. Röm 14,17). So wird sein Volk bereit sein, den Herrn bei seinem zweiten Kommen zu erwarten, damit er es für immer erretten kann. (vgl. Heb 9,28)

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