Mittwoch, Oktober 25, 2006

Hab Mut, steh auf, ER ruft dich!



Aus dem hl. Evangelium nach Markus 10:46 – 52

Sie kamen nach Jericho. Als er mit seinen Jüngern und einer großen Menschenmenge Jericho wieder verließ, saß an der Straße ein blinder Bettler, Bartimäus, der Sohn des Timäus.
Sobald er hörte, dass es Jesus von Nazaret war, rief er laut: Sohn Davids, Jesus, hab Erbarmen mit mir!
Viele wurden ärgerlich und befahlen ihm zu schweigen. Er aber schrie noch viel lauter: Sohn Davids, hab Erbarmen mit mir!
Jesus blieb stehen und sagte: Ruft ihn her! Sie riefen den Blinden und sagten zu ihm: Hab nur Mut, steh auf, er ruft dich.
Da warf er seinen Mantel weg, sprang auf und lief auf Jesus zu.
Und Jesus fragte ihn: Was soll ich dir tun? Der Blinde antwortete: Rabbuni, ich möchte wieder sehen können.
Da sagte Jesus zu ihm: Geh! Dein Glaube hat dir geholfen. Im gleichen Augenblick konnte er wieder sehen, und er folgte Jesus auf seinem Weg.

Eine ungemein lebendige Geschichte, die uns da Markus erzählt hat. Versuchen wir der Lebensfülle dieser Begebenheit auf die Spur zu kommen.
Unvergesslich ist mir, wie Kees de Kort, ein bekannter Illustrator von Kindergeschichten, den Bartimäus malt, nachdem Jesus ihn von seiner Blindheit befreit hat: Mit zwei großen, tiefschwarzen Augen schaut er den Betrachter an. Sie drücken Freude aus über das wieder gewonnene Augenlicht; aber in diesen Augen ist auch Entschlossenheit, Wagemut, Abenteuerlust drinnen. Es sind Augen, die Jesus sehen.
Dieses Sehen beginnt bei Bartimäus bereits in seiner Blindheit, denn als er hört, dass Jesus von Nazaret an ihm vorbeigeht, gibt er ihm sogleich einen anderen Namen: Er „sieht“ in diesem Jesus nämlich den Sohn Davids. Somit sieht er, der Blinde, in diesem Jesus mehr als die Sehenden um Jesus herum; die sehen nur, woher Jesus kommt: aus Nazaret! Der blinde Bartimäus sieht, wer Jesus ist: der Sohn Davids, und das heißt für damals, der Messias. Das mag für die Umstehenden einer der Gründe gewesen sein, dass sie ihn verärgert zum Schweigen bringen wollten.
Bartimäus erlebt, was Menschen zu allen Zeiten erleben, die in Jesus mehr sehen, als die zeitgenössische Mode erlaubt. Denn dieses Mehr wird unverzüglich zu einem Anspruch an die Allgemeinheit, diesen Jesus mit anderen Augen zu sehen und sich somit auch in seinem Leben anders verhalten zu müssen. Dieses Mehr ist eine Aufforderung zu einem neuen Leben im Sinne Jesu; es ist Aufforderung zu Buße und Umkehr; und wer tut das fürs Erste schon gern. Da ist in der Regel Ärger und Ablehnung allemal die erste Reaktion.
Bei Bartimäus entwickelt diese Einsicht in das Wesen Jesu ungeahnte Energien: Er lässt sich von den Leuten nichts verbieten – ja er schreit noch viel lauter: „Sohn Davids, hab Erbarmen mit mir!“ (Mk 10,48)
Seine Einsicht macht Bartimäus zu einem Menschen, der im Geist der Bergpredigt lebt, indem er bittet, damit er empfange (vgl. Mt 7,7f) Und in dieser Haltung bleibt er beharrlich, bis er erreicht, worum er bittet: Das Erbarmen des Herrn im wieder gewonnen Sehvermögen! (vgl. Lk 11,5-13) Bartimäus konnte mit dem Psalmisten beten: „Doch du hast mein lautes Flehen gehört, als ich zu dir um Hilfe rief. (Ps 31,23)
Denn dieses beharrliche Rufen drang an das Ohr Jesu und Jesus „blieb stehen und sagte: Ruft ihn her!“ (Mk 10,49) Denselben Leuten, die eben noch eigenmächtig den Bartimäus zum Schweigen bringen wollten, trägt Jesus auf, ihn zu rufen. Dieselben Leute, die eben noch ein Hindernis waren auf den Weg zum Herrn werden auf Jesu Wort hin zur Ermutigung, indem sie sagen: „Nur Mut, steh auf, er ruft dich!“ (Mk 10,49) Ach, dass doch auch heute der Herr unsere Herzen durch sein machtvolles Wort wandeln möge, so dass wir einander nicht mehr hinderlich sind auf dem Weg zu ihm sondern einander Mut machen, im Wissen darum, dass er uns alle in seine Nähe ruft!
Die Ermutigung der Leute lässt den Bartimäus geradezu explodieren: „Er wirft seinen Mantel ab, springt auf und läuft auf Jesus zu!“ (Mk 10,50) Wüsste man nicht um die Vorgeschichte möchte man nicht meinen, dass Bartimäus blind ist. Er scheint schon sehend geworden zu sein noch ehe Jesus ihn geheilt hat. Die Sehnsucht des Herzens lässt ihn den Weg erkennen, den seine Augen noch nicht sehen können. Indem er sich seines Mantels entledigt, wirft er weg, was ihm auf dem Weg zu Jesus hinderlich sein könnte. Der Herr helfe auch uns zu erkennen, was uns auf dem Weg zu ihm hindert und er gebe uns freudige Entschlossenheit, uns dieses Ballastes zu entledigen.
Schließlich die Frage Jesu: „Was soll ich dir tun?“ (Mk 10,51) Was offensichtlich ist, möchte Jesus ausdrücklich von Bartimäus hören. Jesus hört offenbar nicht auf vages sondern auf konkretes Gebet. In der Konkretheit des Betens kommt die Lebendigkeit des Glaubens zum Ausdruck. Es ist jener Glaube, von dem Jesus dem Bartimäus – und in ihm wohl allen Glaubenden – versichert: Er hat dir geholfen. Dieser Glaube bringt dann auch jene Frucht zu Tage, die sich nicht mit dem Erbetenen zufrieden gibt und dabei stehen bleibt, sondern, die in der erbetenen Gabe den Geber selber erkennt und ihm nachfolgt: Und so ergibt sich als glaubenslogischer Schluss dieser Geschichte: „Im gleichen Augenblick konnte er wieder sehen und folgte Jesus auf seinem Weg!“ (Mk 10,52)

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