Samstag, September 30, 2006

Therese und der klare Blick auf sich



„Die Beschäftigung mit sich selbst könnte mein Herz zerstreuen.“

 
Diese Befürchtung äußerte Therese ihrer Priorin gegenüber, die ihr aufgetragen hat, Memoiren zu schreiben. Sie befürchtete, dieser Auftrag könnte sie in der Sammlung auf den Herrn behindern.
Dass sie diese Befürchtung nicht völlig zu Unrecht hatte, zeigt der Umstand, dass das Kreisen um sich selber tatsächlich schlimme Auswirkungen haben kann. Bedenken wir nur, wie Egoismus uns abhält von der Liebe zu Gott und zu den Mitmenschen. Unter diesem Egoismus hatte Therese selber zu leiden. Von ihm wurde sie in der Weihnacht 1886 befreit: „in jener lichten Nacht, die die Wonnen der Dreifaltigkeit bescheint, wandelte Jesus, das liebliche, kleine neugeborene Kind die Nacht meiner Seele in Sturzbäche von Licht... In jener Nacht, in der Er sich schwach und leidend machte aus Liebe zu mir, machte Er mich stark und mutig. Er legte mir seine Waffenrüstung an, und seit jener gesegneten Nacht wurde ich in keinem Kampf mehr besiegt, im Gegenteil, ich schritt von Sieg zu Sieg und begann sozusagen «wie ein Riese zu laufen!“ (Ps 18,5) In dieser Nacht half Jesus Therese, dass sie sich von den Fehlern der Kindheit – also von ihrer kindlichen Egozentrik – befreien konnte. So wurde Therese befähigt zu zeigen, dass die Beschäftigung mit sich selber auch segensreich ist. Was macht es also bei Therese zu einer Wohltat für sie selber und für andere, dass sie die Autobiographie ihres Lebens schreibt?

Sie geht an diese Aufgabe heran mit einem Herzen, das bereits auf Jesus hingeordnet ist: Sie will mit dem Schreiben über ihr Leben die Erbarmungen des Herrn besingen. Das Ziel dieser Schrift ist nicht ihre Selbstverherrlichung sondern die Verherrlichung Gottes. Sie kreist nicht um sich, als eine Gefangene ihrer selbst sondern sie kreist um den Herrn, von dem sie sich völlig abhängig und beschenkt erlebt; als Ergebnis dieses Kreisens gewinnt sie die Erkenntnis, dass alles Gnade ist!

Sie hat diese Aufgabe nicht aus eigener Willkür begonnen sondern im Auftrag ihrer Oberin. Therese erging es so wie den 70 Ältesten in der 1. Lesung: Die gerieten in prophetische Verzückung nicht aus eigenem Antrieb sondern weil der Herr vom Geist des Moses nahm und auf sie legte. (Num 11,25) Oder wie im Evangelium der Dämonenaustreiber: Der hat das nicht eigenmächtig getan sondern im Namen Jesu. (Mk 9,38f.) All diesen Beispielen ist gemeinsam, dass die Akteure nicht eigenwillig handeln sondern nach dem Willen eines Höheren, nach dem Willen des Herrn. Sie gehorchen und werden zum Segen; sie gehorchen, weil sie den lieben, dem sie gehorchen. An ihnen erfüllt sich das Wort des Apostels Paulus: „Bei denen, die Gott lieben, führt alles zum Guten.“ (Röm 8,28)
Welches ist nun das Gute, zu dem Therese durch ihr Schreiben geführt wurde?
Von Gott erleuchtet erkennt sie tiefer den geistlichen Reichtum ihres Lebens.

Diesen Reichtum behält sie nicht für sich – im Schreiben ihrer Memoiren teilt sie aus an unzählige Menschen. Sie lässt ihren Reichtum nicht verfaulen, indem sie ihn für sich behält (Jak 5,2); sie vergräbt ihn nicht in der Erde, wie der schlechte Diener sein Talent (vgl. Mt 25,24-28). Vielmehr beginnt sie bereits auf diese Weise ihre Rosen auszustreuen.

Bevor sie zur Feder griff, ist sie vor der Marienstatue niedergekniet (vor jener, die ihr so viele Beweise der mütterlichen Vorliebe der Himmelskönigin für ihre Familie geschenkt hat) und hat sie angefleht, ihre Hand zu führen, damit sie keine Zeile schreibe, die ihr nicht angenehm wäre. Therese vertraute sich der Mutter Jesu an, die eine Meisterin darin war, im Herzen zu bewahren, was an ihr geschehen war, und darüber nachzudenken. In ihrem Magnifikat haben wir die reine Frucht einer reinen Beschäftigung mit sich selber – und welch ein Lobpreis der Größe Gottes ist daraus geworden!

Auch wir werden zur Beschäftigung mit uns selber gedrängt – durch die Nationalratswahl, zu der wir heute aufgerufen sind. Nicht, dass wir unsere Memoiren schreiben sollten; wohl aber, dass wir darüber nachdenken, wie es uns ergangen ist seit der letzten Wahl; und wie wir heute dastehen; und was uns im Hinblick auf die Zukunft bewegt. Bei dieser Bestandsaufnahme dürfen wir uns nicht von schmissigen Werbeslogans blenden lassen, die simplifizieren, eng führen und Angst machen. Vielmehr wollen wir mit Mose bitten, „dass der Herr seinen Geist doch auf uns alle legen wolle“ (Num 11,29) damit wir so wählen, dass es von uns dann nicht mit den Worten der 2. Lesung heißen möge: „Noch in den letzten Tagen sammelt ihr Schätze. Aber der Lohn der Arbeiter, die eure Felder abgemäht haben, der Lohn, den ihr ihnen vorenthalten habt, schreit zum Himmel; die Klagerufe derer, die eure Ernte eingebracht haben, dringen zu den Ohren des Herrn der himmlischen Heere. Ihr habt auf Erden ein üppiges und ausschweifendes Leben geführt und noch am Schlachttag habt ihr euer Herz gemästet.“ (Jak 5,3-5) Unsere Wahl soll möglichst die Gerechtigkeit und den Frieden fördern. Sie soll eine Antwort des Dankes und des Lobpreises sein auf das, was der Herr bisher Großes an uns getan hat. Und das ist sie, indem wir durch diese Wahl uns solidarisch erklären gerade mit den benachteiligten Menschen unserer Zeit und mit den kommenden Generationen. Auf die Fürsprache der Gottesmutter und der hl. Therese segne der Herr uns alle und den heutigen Wahlgang!

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