Samstag, September 02, 2006

Hört und ihr werdet leben!



Aus dem hl. Evangelium nach Markus 7:1 – 23

Die Pharisäer und einige Schriftgelehrte, die aus Jerusalem gekommen waren, hielten sich bei Jesus auf.
Sie sahen, dass einige seiner Jünger ihr Brot mit unreinen, das heißt mit ungewaschenen Händen aßen.
Die Pharisäer essen nämlich wie alle Juden nur, wenn sie vorher mit einer Hand voll Wasser die Hände gewaschen haben, wie es die Überlieferung der Alten vorschreibt.
Auch wenn sie vom Markt kommen, essen sie nicht, ohne sich vorher zu waschen. Noch viele andere überlieferte Vorschriften halten sie ein, wie das Abspülen von Bechern, Krügen und Kesseln.
Die Pharisäer und die Schriftgelehrten fragten ihn also: Warum halten sich deine Jünger nicht an die Überlieferung der Alten, sondern essen ihr Brot mit unreinen Händen?
Er antwortete ihnen: Der Prophet Jesaja hatte Recht mit dem, was er über euch Heuchler sagte: Dieses Volk ehrt mich mit den Lippen, sein Herz aber ist weit weg von mir.
Es ist sinnlos, wie sie mich verehren; was sie lehren, sind Satzungen von Menschen.
Ihr gebt Gottes Gebot preis und haltet euch an die Überlieferung der Menschen.
Und weiter sagte Jesus: Sehr geschickt setzt ihr Gottes Gebot außer Kraft und haltet euch an eure eigene Überlieferung.
Mose hat zum Beispiel gesagt: Ehre deinen Vater und deine Mutter! und: Wer Vater oder Mutter verflucht, soll mit dem Tod bestraft werden.
Ihr aber lehrt: Es ist erlaubt, dass einer zu seinem Vater oder seiner Mutter sagt: Was ich dir schulde, ist Korbán, das heißt: eine Opfergabe.
Damit hindert ihr ihn daran, noch etwas für Vater oder Mutter zu tun.
So setzt ihr durch eure eigene Überlieferung Gottes Wort außer Kraft. Und ähnlich handelt ihr in vielen Fällen.
Dann rief er die Leute wieder zu sich und sagte: Hört mir alle zu und begreift, was ich sage:
Nichts, was von außen in den Menschen hineinkommt, kann ihn unrein machen, sondern was aus dem Menschen herauskommt, das macht ihn unrein.
Er verließ die Menge und ging in ein Haus. Da fragten ihn seine Jünger nach dem Sinn dieses rätselhaften Wortes.
Er antwortete ihnen: Begreift auch ihr nicht? Seht ihr nicht ein, dass das, was von außen in den Menschen hineinkommt, ihn nicht unrein machen kann?
Denn es gelangt ja nicht in sein Herz, sondern in den Magen und wird wieder ausgeschieden. Damit erklärte Jesus alle Speisen für rein.
Weiter sagte er: Was aus dem Menschen herauskommt, das macht ihn unrein.
Denn von innen, aus dem Herzen der Menschen, kommen die bösen Gedanken, Unzucht, Diebstahl, Mord,
Ehebruch, Habgier, Bosheit, Hinterlist, Ausschweifung, Neid, Verleumdung, Hochmut und Unvernunft.
All dieses Böse kommt von innen und macht den Menschen unrein.



„Ihr gebt Gottes Gebot preis und haltet euch an die Überlieferung von Menschen!“ (Mk 7,8)

Dieser Vorwurf Jesu erwächst aus einem Konflikt mit den Pharisäern und Schriftgelehrten, die den Jüngern zum Vorwurf machen, dass sie sich zum Essen nicht die Hände waschen. Dabei bemängelten sie aber nicht, wie wir es heute sehen würden, eine hygienische Missachtung sondern die Übertretung einer Tradition ihrer Vorfahren.
Wir können den Vorwurf Jesu persönlicher fassen und sagen: „Ihr hört auf das Reden der Menschen und überhört dabei die Stimme Gottes.“ Oder auch: „Euch ist es wichtiger, was die Menschen euch sagen als was Gott euch sagt!“
Auf diese Weise können wir leichter entdecken, dass dieser Vorwurf auch uns heute trifft und dass er mit den Gegnern seiner Zeit auch uns anspricht. Schauen wir nach ob zu Recht.

Es gehört in der Regel zu unserem Bestreben, mit unseren Mitmenschen gut auszukommen, indem wir sie respektieren und auf ihre Bedürfnisse soweit Rücksicht nehmen, als uns dies gut möglich ist. Dieses Bedürfnis wird getragen von einem Harmoniebedürfnis, das jeden Konflikt möglichst meidet im Bestreben: „Mei Rua will i haben!“ Nun kann jedoch dieses Bedürfnis nach Gleichklang mit unseren Mitmenschen dermaßen stark werden, dass es alles andere übertönt. Mit anderen Worten: Die Stimme unserer Mitmenschen wird uns so wichtig, dass alle anderen Stimmen, inklusive der Stimme unseres Gewissens und somit der Stimme Gottes, uns nichts mehr zu sagen haben. Das hat in Sachen Mode in den verschiedenen Ausfaltungen noch scheinbar harmlose Konsequenzen; denn dabei werden etwa die Bedachtsamkeit auf gefällige Schicklichkeit und auf die Bewahrung unserer Gesundheit und andere Rücksichtnahmen bisweilen sträflich außer acht gelassen – ohne sich dabei was zu denken, denn alle machen es so und es ist so toll „in“ zu sein.
Gehen wir einen Schritt weiter und bedenken wir den Umgang mit dem Menschen zu Beginn und am Ende des Lebens. Wie sehr ist er da doch in Gefahr, dass seine unveräußerliche Eigenwertigkeit zunehmend verwischt und aufgelöst wird zugunsten einer Verzweckung im Sinne der Forschung, oder der Wissenschaft, oder späterer Generationen – oder, zumeist verschwiegen oder hartnäckig verleugnet, im Sinne egoistischer Interessen. Diese Verdinglichung des Menschen am Anfang und am Ende seines Lebens zeigt nur besonders markant an, dass sein ganzer Lebenslauf von einer zunehmenden Instrumentalisierung bedroht ist. Es bedarf tatsächlich einer besonderen persönlichen Kraftanstrengung gegen diese Flut aufzustehen und von den maßgeblichen Instanzen das göttliche Gebot einzufordern, den Menschen uneingeschränkt als Person zu würdigen und gemäß dieser Würde zu behandeln.
Wenn wir noch einen Schritt weiter gehen und eine Dimension tiefer blicken, nehmen wir mit Schrecken war, was da eigentlich geschieht, wenn wir der Stimme der Menschen hörig werden und Gottes Stimme in unserem Herzen zuerst und dann in unserem Leben verstummt: ohne uns dessen bewusst zu sein delegieren wir die Verantwortung für unser Tun und Lassen auf das, was die da oben sagen oder auf das, wie die große Mehrzahl der Menschen sich verhält.
So kommt es schließlich soweit, dass eine Handlung, von einem einzigen getan zu Recht als verbrecherisch beurteilt, jedoch als normal erachtet und „geheiligt“ wird, sobald sie von den Mächtigen oder von der großen Masse getan wird. Auf schreckliche Weise wurde uns dieser Prozess im vorigen Jahrhundert im Dritten Reich und im Kommunismus vor Augen geführt. Und es war von Beginn an abzusehen, dass der Kapitalismus in den gleichen Abgrund läuft.
So verstehen wir jetzt besser wenn Jesus aufzählt, was aus einem Herzen kommt, das nur mehr die Stimme der Menschen und nicht mehr die Stimme Gottes hört: „Böse Gedanken, Unzucht, Diebstahl, Mord, Ehebruch, Habgier, Bosheit, Hinterlist, Ausschweifung, Neid, Verleumdung, Hochmut und Unvernunft. All dieses Böse kommt aus diesem Herzen und macht den Menschen unrein.“ (Mk 7, 21 – 23) Und wir können anfügen: Es macht ihn nicht nur unrein – es vernichtet ihn auch! Es ist lebensnotwendig, uns vom Wort aus der 1. Lesung voll treffen zu lassen: „Und nun, Israel, höre die Gesetze und Rechtsvorschriften, die ich euch zu halten lehre. Hört und ihr werdet leben.“ (Dtn 4,1) Amen!

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