Samstag, September 09, 2006

Effata! - Werde geöffnet!


 
Aus dem hl. Evangelium nach Markus 7:31 – 37

Jesus verließ das Gebiet von Tyrus wieder und kam über Sidon an den See von Galiläa, mitten in das Gebiet der Dekapolis.
Da brachte man einen Taubstummen zu Jesus und bat ihn, er möge ihn berühren.
Er nahm ihn beiseite, von der Menge weg, legte ihm die Finger in die Ohren und berührte dann die Zunge des Mannes mit Speichel;
danach blickte er zum Himmel auf, seufzte und sagte zu dem Taubstummen: Effata! das heißt: Öffne dich!
Sogleich öffneten sich seine Ohren, seine Zunge wurde von ihrer Fessel befreit und er konnte richtig reden.
Jesus verbot ihnen, jemand davon zu erzählen. Doch je mehr er es ihnen verbot, desto mehr machten sie es bekannt.
Außer sich vor Staunen sagten sie: Er hat alles gut gemacht; er macht, dass die Tauben hören und die Stummen sprechen.




Es ist beeindruckend wie Jesus den Taubstummen heilt. Mit Gesten, Seufzen und mit einem Befehl rückt er dem Behinderten wortwörtlich zu Leibe. Zuvor aber „nahm er ihn beiseite, von der Menge weg.“ (Mk 7,33)
Dieses Beiseitenehmen ist zu beachten, denn es weist darauf hin, dass dieser Mann in der persönlichen Begegnung mit Jesus geheilt wurde. Nichts und niemand sonst haben diesem Mann geholfen – außer Jesus allein.
Dieses beiseite Gehen mit Jesus deute ich als ein Jesus Begegnen von Angesicht zu Angesicht und von Herz zu Herz. Es ist ein Begegnen, wie es im Gebet stattfindet.
Zu diesem Gehen in das Gebet gibt Jesus den Impuls: er ist die ziehende, treibende Kraft. Er ist es, der das Verlangen weckt, ihm in die Abgeschiedenheit des persönlichen Betens zu folgen. Dies entspricht dem, dass Jesus zum Gebet zum Vater sich ja auch in die Einsamkeit der Nacht oder eines abgelegenen Ortes begeben hat. Auch Jesus ging zum Beten beiseite. Auch bei ihm war es so, dass der Vater ihn beiseite genommen hat.
Und was in diesen Zeiten des Gebetes dann geschieht ist nicht nur Geistig/Geistliches! Auch der Körper wird in das Gebet genommen – und wie: „Er stieß ihm die Finger in die Ohren und berührte seine Zunge mit seinem Speichel.“ (7,33) Es sind sehr persönliche Berührungen; zuerst die Ohren, weil die Taubheit das Grundübel ist und die mangelnde Sprechfähigkeit nach sich gezogen hat. Und dann die Zunge.
Es ist eines der Grundanliegen im Gespräch zwischen Gott und Mensch: das rechte Hören des Menschen! Mose war 40 Tage und 40 Nächte auf dem Berg Sinai damit er schließlich die Weisungen Gottes hören konnte; (Ex 34,28) Jesus hat 40 Tage und 40 Nächte gefastet, damit er dann in der Versuchung durch Satan auf die Stimme Gottes hören konnte; (Mt 4,1-11) ehe Jesus die Zwölf erwählte hat er die Nacht hindurch gebetet; (Lk 6,12f) ehe er ins Leiden ging, hat er auf dem Ölberg gebetet, damit er in den folgenden schrecklichen Stunden nicht den Willen seines Vaters überhöre! (Lk 22,42) Und schließlich die Jünger: Nach der Himmelfahrt des Herrn beteten sie einmütig in Jerusalem bis sie der Herr bereit fand, auf die Stimme seines Geistes zu hören, den er dann in überreichem Maße über sie ausgoss. (Apg 1,12ff)
Wenn ich dem Herrn folge und mit ihm beiseite gehe, dann deshalb, damit er meine Taubheit, meine Schwerhörigkeit überwinde, die heute vor allem auch darin besteht, dass ich auf zu viele andere Stimmen höre; es sind diese anderen, fremden Stimmen, die mich taub machen für die Stimme des Herrn: Die Stimmen meiner Begehrlichkeiten, die Stimme der Menschenfurcht, die Stimme der Bequemlichkeit, die Stimme zahlreicher Modeerscheinungen, die Stimme selbsternannter Heilbringer. Alle diese Stimmen wollen im Grunde eines: sich ausgeben als die Stimme des Herrn, als die Stimme des guten Hirten, der allein uns auf die Weide ewigen Lebens führen kann. (vgl. Joh 10, 2-4)
Wenn wir zudem die Fähigkeit zu hören umfassender verstehen als Wahrnehmung, dann gilt es die Taubheit für unsere Sündhaftigkeit einerseits und für die uneingeschränkte Liebe des Herrn andererseits zu überwinden, in die wir beim Beten eintreten; und da muss er seine Finger wohl besonders tief in unsere Ohren stoßen.
Nach dem Geschenk des Hörens heilt Jesus auch die Sprachstörung des Behinderten, indem er „die Zunge des Mannes mit Speichel berührt, so dass die Zunge von ihrer Fessel befreit wurde und er wieder richtig reden konnte.“ (Lk 7,33.35)
Was mit diesem „richtig reden“ eigentlich gemeint ist, erklärt sich aus dem Verbot Jesu, „jemand davon zu erzählen.“ (Lk 7,36) Die Leute sollen von dem, was sie mit ihm erleben nicht etwas erzählen, indem sie nach ihrer Phantasie davon wegstreichen und dazufügen; sie sollen vielmehr das sagen, was sie von ihm gehört und mit ihm erlebt haben. Und die Leute halten sich daran, indem sie es bekannt machen, mit anderen Worten, indem sie es verkünden und somit dem Auftrag des Herrn entsprechen, den er als der Auferstandene später dann seinen Jüngern und seiner Kirche geben wird: „Geht zu allen Völkern ... und lehrt sie alles zu halten, was ich euch geboten haben.“ (vgl. Mt 28,19f)
Aus dem rechten Hören auf Jesus erwächst das rechte Sprechen über Jesus; ein Sprechen, das sich seinem Wort angleicht, wie es aus dem Evangelium und aus der Lehre der Kirche zu uns spricht.
Zu guter Letzt wollen wir noch bedenken, das Jesus beim Setzen der beiden Heilungsgesten zum Himmel blickt, dabei seufzt und spricht: Werde geöffnet! (vgl. Mk 7,34) Auf diese Weise lässt Jesus wissen, dass er nicht im Alleingang handelt sondern in Verbindung mit seinem Vater im Himmel und das heißt: in dessen Auftrag und in dessen Kraft. Indem wir uns durch Jesus beiseite nehmen lassen und betende Menschen werden, gewinnen wir durch ihn Zugang zum Vater und der Vater gewinnt Zugang zu uns.
Suchen wir als Jesu getreue Jünger in unablässigem Gebet das Gespräch mit ihm, damit im Heiligen Geist er – und durch ihn der Vater – in uns sprechen kann und unser Reden und Tun uns ausweise als seine Jünger. Amen!

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