Donnerstag, September 21, 2006

Das Schweigen der Jünger



Aus dem hl. Evangelium nach Markus 9:30 – 37

Sie gingen von dort weg und zogen durch Galiläa. Er wollte aber nicht, dass jemand davon erfuhr;
denn er wollte seine Jünger über etwas belehren. Er sagte zu ihnen: Der Menschensohn wird den Menschen ausgeliefert und sie werden ihn töten; doch drei Tage nach seinem Tod wird er auferstehen.
Aber sie verstanden den Sinn seiner Worte nicht, scheuten sich jedoch, ihn zu fragen.
Sie kamen nach Kafarnaum. Als er dann im Haus war, fragte er sie: Worüber habt ihr unterwegs gesprochen?
Sie schwiegen, denn sie hatten unterwegs miteinander darüber gesprochen, wer (von ihnen) der Größte sei.
Da setzte er sich, rief die Zwölf und sagte zu ihnen: Wer der Erste sein will, soll der Letzte von allen und der Diener aller sein.
Und er stellte ein Kind in ihre Mitte, nahm es in seine Arme und sagte zu ihnen:
Wer ein solches Kind um meinetwillen aufnimmt, der nimmt mich auf; wer aber mich aufnimmt, der nimmt nicht nur mich auf, sondern den, der mich gesandt hat.




Im heutigen Evangelium erleben wir, wie die Jünger zweimal auf die Anrede Jesu schweigen.

Die Jünger schweigen, da sie den Sinn seiner Worte nicht verstehen und sich scheuen, ihn zu fragen.
Angst verschließt ihnen den Mund; erinnern wir uns nur an das Evangelium am letzten Sonntag: dort hat Petrus Jesus heftig widersprochen, als der, so wie heute, über sein Schicksal in Jerusalem sprach; und wie hat Jesus ihm auf diesen Einspruch geantwortet: Weg mit dir Satan! Geh mir aus den Augen! Denn du willst nicht, was Gott will, sondern was die Menschen wollen. (Vgl. Mk 8,32f)
Diese Zurechtweisung haben sich Petrus und die Jünger gewiss gut gemerkt; niemand von ihnen wollte von Jesus „Satan“ genannt werden. Das Thema von Jesus Leiden, Tod und Auferstehung ist ihnen zu heiß geworden. Sie wollten sich nicht noch einmal die Finger daran verbrennen.
So haben sie Jesu Worte unverstanden und unbefragt stehen lassen und haben sich wieder ihren Themen zugewandt. Es bleibt etwas Beklemmendes zurück: ein Gefühl von Angst, von Isoliertheit, von mangelndem Interesse. Womöglich hat sich keiner so recht wohl gefühlt.

Von Jesu Seite aus müssen wir sagen: Dieser Mitteilungsversuch ist missglückt. Die Jünger sind nicht darauf eingestiegen. Wir wissen nicht, ob Jesus für das Verhalten der Jünger Verständnis hatte. Der zweite Versuch, mit den Jüngern ins Gespräch zu kommen, lässt einen verständnisvollen Jesus vermuten. Denn nun setzt er ihnen nicht mehr die Botschaft von seinem Lebensende in Jerusalem unvermittelt vor; denn das ist ihnen offenbar zu steil.
Vielmehr fragt er sie nun, worüber sie unterwegs gesprochen haben. Mit dieser Frage gibt Jesus ihnen Gelegenheit, über das zu sprechen, was sie bewegt hat. Er möchte auf diesem Weg in ihre Welt einsteigen. Er gibt ihnen Gelegenheit das Gespräch mit ihm von ihrer Seite aufzubauen, indem er sie einlädt, ihm von ihrer Unterhaltung zu erzählen.
Nun möchte man meinen, die Jünger hätten diese Gelegenheit erfreut wahrgenommen. Wie damals als sie von der Missionsreise zurückgekommen sind, zu der Jesus sie zu zweit ausgesandt hat (Mk 6,7-13) „Da versammelten sich die Apostel wieder bei Jesus und berichteten ihm alles, was sie getan und gelehrt hatten.“ (Mk 6,30).

Aber auch diesmal schweigen sie. Offenbar haben sie über etwas gesprochen, wozu Jesus sie nicht „ausgesandt“ hat; etwas, was nicht zu Jesus passt. Sie haben geschwiegen, denn ihr Gewissen sagt ihnen: Ihr müsst euch dessen schämen, worüber ihr gesprochen habt. Jesus sieht in ihr Herz und erkennt, was der Evangelist als Grund für ihr Schweigen angibt: „Sie hatten unterwegs darüber gesprochen, wer von ihnen der Größte sei.“ (Mk 9,34)
Wie reagiert Jesus? „Da setzte er sich, rief die Zwölf und sagte zu ihnen: Wer der Erste sein will, soll der Letzte von allen und der Diener aller sein.“ (Mk 9,35) Er verbindet ihre Welt mit der seinen; ihr Gespräch mit seinen Worten; ihr Bestreben, der Erste sein zu wollen mit seinem Bestreben, das Leben in den Tod hinzugeben; und er verbindet es so, dass er diese Hingabe als Dienst für alle mit dem ersten Platz gleichsetzt.
Auf diese Weise deutet Jesus an, dass sein Leiden, Sterben und Auferstehen in Jerusalem nicht ein isoliertes Geschehen ist, das nur ihn allein und sonst niemanden betrifft. Vielmehr ist es eine Hingabe für alle, ein Dienst an allen. Es ist der Lebens- und Liebesdienst an seinen Jüngern und an der ganzen Welt. Zugleich stellt er ihnen diesen Weg der Hingabe als Weg der Nachfolge dar, von der er am letzten Sonntag im Evangelium sprach: „Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.“ (Mk 8,34)
In der Kreuzesnachfolge Jesu öffnen wir uns diesem Dienst Jesu, erlauben wir es ihm, unser aller Diener zu werden – so wie es Petrus Jesus erlaubt hat, ihm die Füße zu waschen. (Joh 13,9). Durch diesen Dienst Jesu wird sein Leben unser Leben, und unser Leben wird jenen Dienstcharakter bekommen, der uns nicht nur auf das eigene Wohl achten lässt sondern auch auf das der anderen. (vgl. Phil 2,4)
Und einmal mehr wird gerade im Angesicht der heutigen Probleme deutlich, dass die Welt nur einen wahren Erlöser hat und haben wird: Jesus Christus, der in seiner Kirche lebt und wirkt; und seine Kirche sind wir, wenn wir ihm folgen in der Bereitschaft, wie er zum Diener aller zu werden.

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