Sonntag, Juli 02, 2006

Wenn ich auch nur sein Gewand berühre ...



Aus dem hl. Evangelium nach Markus 5:21 - 43

Jesus fuhr im Boot wieder ans andere Ufer hinüber und eine große Menschenmenge versammelte sich um ihn. Während er noch am See war,
kam ein Synagogenvorsteher namens Jaïrus zu ihm. Als er Jesus sah, fiel er ihm zu Füßen
und flehte ihn um Hilfe an; er sagte: Meine Tochter liegt im Sterben. Komm und leg ihr die Hände auf, damit sie wieder gesund wird und am Leben bleibt.
Da ging Jesus mit ihm. Viele Menschen folgten ihm und drängten sich um ihn.
Darunter war eine Frau, die schon zwölf Jahre an Blutungen litt.
Sie war von vielen Ärzten behandelt worden und hatte dabei sehr zu leiden; ihr ganzes Vermögen hatte sie ausgegeben, aber es hatte ihr nichts genutzt, sondern ihr Zustand war immer schlimmer geworden.
Sie hatte von Jesus gehört. Nun drängte sie sich in der Menge von hinten an ihn heran und berührte sein Gewand.
Denn sie sagte sich: Wenn ich auch nur sein Gewand berühre, werde ich geheilt.
Sofort hörte die Blutung auf und sie spürte deutlich, dass sie von ihrem Leiden geheilt war.
Im selben Augenblick fühlte Jesus, dass eine Kraft von ihm ausströmte, und er wandte sich in dem Gedränge um und fragte: Wer hat mein Gewand berührt?
Seine Jünger sagten zu ihm: Du siehst doch, wie sich die Leute um dich drängen, und da fragst du: Wer hat mich berührt?
Er blickte umher, um zu sehen, wer es getan hatte.
Da kam die Frau, zitternd vor Furcht, weil sie wusste, was mit ihr geschehen war; sie fiel vor ihm nieder und sagte ihm die ganze Wahrheit.
Er aber sagte zu ihr: Meine Tochter, dein Glaube hat dir geholfen. Geh in Frieden! Du sollst von deinem Leiden geheilt sein.
Während Jesus noch redete, kamen Leute, die zum Haus des Synagogenvorstehers gehörten, und sagten (zu Jaïrus): Deine Tochter ist gestorben. Warum bemühst du den Meister noch länger?
Jesus, der diese Worte gehört hatte, sagte zu dem Synagogenvorsteher: Sei ohne Furcht; glaube nur!
Und er ließ keinen mitkommen außer Petrus, Jakobus und Johannes, den Bruder des Jakobus.
Sie gingen zum Haus des Synagogenvorstehers. Als Jesus den Lärm bemerkte und hörte, wie die Leute laut weinten und jammerten,
trat er ein und sagte zu ihnen: Warum schreit und weint ihr? Das Kind ist nicht gestorben, es schläft nur.
Da lachten sie ihn aus. Er aber schickte alle hinaus und nahm außer seinen Begleitern nur die Eltern mit in den Raum, in dem das Kind lag.
Er fasste das Kind an der Hand und sagte zu ihm: Talita kum!, das heißt übersetzt: Mädchen, ich sage dir, steh auf!
Sofort stand das Mädchen auf und ging umher. Es war zwölf Jahre alt. Die Leute gerieten außer sich vor Entsetzen.
Doch er schärfte ihnen ein, niemand dürfe etwas davon erfahren; dann sagte er, man solle dem Mädchen etwas zu essen geben.





„Seine Jünger sagten zu ihm: Du siehst doch, wie sich die Leute um dich drängen, und da fragst du: Wer hat mich berührt?“ (Mk 5,31)

Es gibt offensichtlich verschiedene Weisen, Jesus zu berühren. Da ist einmal die Weise, wie die Menge ihn berührt, die sich um Jesus drängt. Das können Menschen sein, die durch das Gedränge Jesus nahe kommen: geschoben von der Masse der Menschen geraten sie eher zufällig in die Nähe Jesu, gehen eine Zeit lang neben, hinter oder vor ihm her und werden dann vom Gedränge wieder von Jesus getrennt. Ob nahe bei Jesus oder sonst wo unter den vielen Leuten – sie gehen mit der Menschenmenge mit, lassen sich mit treiben.
Dann wird es Leute geben, die Jesus Nähe suchen, weil er die Mitte dieser Menge ist, weil sich die Menschen ja seinetwillen versammelt haben. Sie wollen ihm nahe sein, wie man gerne berühmten Leuten nahe ist. Man will sich sonnen in der Berühmtheit dieser hervorragenden Menschen. Vom Glanz dieser Menschen möge etwas auf sie fallen und ihnen eine Bedeutung verleihen, die sie selber in sich nicht finden. Sie schmücken sich mit fremden Federn und wie ein Leihkostüm legen sie die Nähe dieses Menschen wieder ab, wenn ihnen seine Nähe zum Nachteil gereicht. (vgl. Mt 13,21)
Schließlich werden auch Leute in seine Nähe gekommen sein, die Arges im Sinn haben, die ihm nachstellen, die ihn beobachten, die ihn verfolgen, weil sie ihn töten wollen.
Alle diese Menschen berühren Jesus – aber er fühlt sich nicht von ihnen berührt. Berührungen ohne Tiefgang sind es, die deshalb in den Augen Jesu auch nicht den Namen „Berührung“ verdienen. In seinen Augen sind es zufällige Kontakte aus x-beliebigen Gründen – weiter nicht der Rede wert; Kontakte, die eigentlich nicht ihn selber meinen. Darum treffen und berühren sie ihn auch nicht. Diese Kontakte sind wie Samen, der nicht in die fruchtbare Erde eindringen können, um von dorther vielfältig Frucht zu bringen. (vgl. Mt 13,1-23)

Und dann die Berührung durch jene Frau, die schon 12 Jahre unter Blutungen litt. Diese Berührung war geplant: „Wenn ich auch nur sein Gewand berühre, werde ich geheilt.“ (Mk 5,28) Diese Berührung wurde bewusst und gezielt angestrebt; da war eine Haltung dahinter: die Haltung des Vertrauens und des Glaubens. Die Haltung der Hoffnung, nach einem langen Leidensweg endlich durch die Berührung Jesu geheilt zu werden. Was ist da geschehen, dass Jesus die Berührung dieser Frau wahrnimmt? Was hat diese Frau da eigentlich angerührt in Jesus? Sie hat ihn in seiner Berufung angerührt; in seiner Sendung, hier auf Erden zu heilen, zu befreien, zu erlösen. Sie hat durch ihr Berühren das erlösende Potential des Sohnes Gottes zum Fließen gebracht. Und den Schlüssel zu diesem Potential nennt der Herr dann selber beim Namen: „Meine Tochter, dein Glaube hat dir geholfen“ (Mk 5,34)

Die drängende Menge um Jesus und diese Frau: Beide fragen jede/n von uns: Und du, wie berührst du Jesus?
Etwa wenn ich zur Kommunion gehe: Gehe ich da, weil eben alle gehen und es vielleicht auffallen könnte, wenn ich in der Bank bleibe? Oder geh ich, weil ich es so gewohnt bin? Herdentrieb? Gewohnheitstrieb? Oder gehe ich gläubig mit der gezielten Absicht, mich von ihm heilen, stärken, erleuchten, führen zu lassen? Bin ich bereit, alles, was mich beschäftigt und was mich bedrückt nicht als lästige Ablenkung vom Herrn zu betrachten sondern als Last, von der ER mich befreien möchte, als Krankheit, die ER in mir heilen möchte, als Dunkelheit, aus der ER mich herausführen möchte, als Abhängigkeit, aus der ER mich lösen möchte?
Nicht nur in der Kommunion haben wir Gelegenheit, den Herrn zu berühren. Das Kleid, in dem der Herr durch unsere Zeit schreitet ist vielgestaltig: Sein Wort ist es, durch das ER uns erleuchtet und belehrt; das Sakrament der Buße ist es, in dem ER uns befreit und versöhnt; der Nächste ist es, in dem wir den Herrn durch unser Lieben berühren. Und auch heute ist das Gedränge dicht, in dem der Herr durch unsere Zeit schreitet und die Absichten, in denen ER kontaktiert wird sind auch heute oberflächlich, hinterlistig, feindlich. Lassen wir uns davon nicht beirren. Der Blick auf unsere Armut und auf seinen Reichtum soll uns zu jenem gläubigen Vertrauen führen, das uns sprechen lässt: „Wenn ich auch nur sein Gewand berühre...“ (Mk 5,28)

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