Donnerstag, Juli 06, 2006

Ist das nicht der Zimmermann?





Aus dem hl. Evangelium nach Markus 6:1 – 6

Von dort brach Jesus auf und kam in seine Heimatstadt; seine Jünger begleiteten ihn.
Am Sabbat lehrte er in der Synagoge. Und die vielen Menschen, die ihm zuhörten, staunten und sagten: Woher hat er das alles? Was ist das für eine Weisheit, die ihm gegeben ist! Und was sind das für Wunder, die durch ihn geschehen!
Ist das nicht der Zimmermann, der Sohn der Maria und der Bruder von Jakobus, Joses, Judas und Simon? Leben nicht seine Schwestern hier unter uns? Und sie nahmen Anstoß an ihm und lehnten ihn ab.
Da sagte Jesus zu ihnen: Nirgends hat ein Prophet so wenig Ansehen wie in seiner Heimat, bei seinen Verwandten und in seiner Familie.
Und er konnte dort kein Wunder tun; nur einigen Kranken legte er die Hände auf und heilte sie.
Und er wunderte sich über ihren Unglauben. Jesus zog durch die benachbarten Dörfer und lehrte.





Gewiss hat Jesus sich in seiner Heimatstadt einen anderen Empfang vorgestellt, ganz sicher hat er sich und den Seinen einen anderen gewünscht als den, dass sie Anstoß an ihm nehmen und ihn ablehnen.
Wie kommen die dazu, nach dem, was wir letzten Sonntag gehört haben: die Heilung der Frau und die Erweckung des toten Mädchens?
Die haben ganz genau gewusst von seinen Wundertaten, von seiner beeindruckenden Predigt, von seiner Ausstrahlung! Sie fragen ja: Woher hat er das alles? Was ist das für eine Weisheit, die ihm gegeben ist? Und was sind das für Wunder, die durch ihn geschehen? So was spricht sich in Windeseile herum!
Die Antwort auf unsere Frage steckt in ihrer Frage: Woher hat er das alles?
Sie wissen nicht woher, denn sie kennen ihn nur als Zimmermann, als Sohn der Maria und als Bruder von etlichen Geschwistern.
Das aber, was ihnen in Jesus begegnet geht über ihren menschlichen Horizont hinaus; es kommt von jenseits dieses Horizontes - aus dem Unbegreiflichen, aus dem Unfassbaren. Es ist nirgendwo ausdrücklich da, aber zwischen den Zeilen ist es zu spüren: Durch Jesu Worte und Taten berührt sie Göttliches. Das, was sie nicht wissen, was sie nicht begreifen und verstehen - sie ahnen es: es kommt von Gott; und es kommt von Gott als eine Herausforderung, den Raum ihres Vertrauten, ihres Bekannten zu öffnen für das Unbegreifliche, das Gott ihnen durch Jesus geben möchte; aber dazu braucht es Vertrauen und Glauben - und dazu konnten sie sich nicht durchringen.
Deswegen, nahmen sie Anstoß an ihm und lehnten ihn ab!
Eigentlich meinten sie damit Gott: An ihm nahmen sie Anstoß und ihn lehnten sie ab.
Das Bekannte an Jesus wurde ihnen zum Hindernis für das Unbekannte in Jesus.
Das Menschliche an Jesus versperrte ihnen das Göttliche in Jesus!
Sie haben Probleme mit ihrem Bild, mit ihrer Vorstellung von Gott. Ihr Gott soll so und so sein - und anders durfte er nicht sein. Sollte er sich dennoch erlauben, anders zu sein als sie ihn sich vorstellten - nehmen sie Anstoß an ihm und lehnen ihn ab! So einfach ist das!
Ihr habt es sicher schon gemerkt: Indem ich von den Bekannten und Verwandten Jesu sprach, sprach ich auch von uns selber, von uns Christen; denn ihre Probleme mit Gott sind auch die unseren.
Auch wir glauben, Gott zu besitzen; deswegen warten wir auch nicht mehr auf ihn, weder beim Gottesdienst noch im Leben.
Dabei vergessen wir aber, dass wir stärker sind als Wartende denn als Besitzende. Indem wir Gott besitzen, reduzieren wir ihn auf den kleinen Ausschnitt, den wir von ihm erfahren und begriffen haben, und wir machen aus ihm einen Götzen. Nur in der Götzenverehrung kann man glauben, Gott zu besitzen. Aber wenn wir wissen, dass wir ihn nicht kennen, und wenn wir auf ihn warten, um ihn zu erkennen, dann wissen wir wirklich etwas von ihm, dann hat er uns ergriffen und erkannt und besitzt uns. Dann sind wir Glaubende in unserem Unglauben und dann sind wir von ihm bejaht trotz unseres Getrenntseins von ihm.
Wer ist dieser Jesus? Um diese Frage geht es! Und das heutige Evangelium antwortet uns: Er ist mehr, als was wir von ihm gelernt haben im Laufe unsres Lebens, mehr als wir von ihm wissen, mehr als wir uns von ihm vorstellen.
Für dieses "Mehr" müssen wir uns öffnen.
Dann wird Jesus wieder attraktiv für uns. Dann wird er wieder lebendig. Dann werden wir beim Hören des Evangeliums nicht mehr mit einem verschlafenen Blick abschalten und sagen: Kenn ich schon! Wir werden uns nicht für unsere Fingernägel und die Uhrzeit daneben, auch nicht für die bunten Bänder des „Gotteslob“ und nicht für die Wände der Kirche interessieren.
Sondern dann werden wir uns wieder fragen: Was hat Jesus mir heute zu sagen?
Und dieses "Mehr" wird uns zum Bekenntnis des Hauptmannes unter dem Kreuz Jesu führen: dieser Mensch ist wirklich Gottes Sohn! Zugleich werden wir offen für einen Gott, der oft andere Gedanken und Pläne hat, als wir. Wir werden offen für einen lebendigen Gott, der nicht als toter Götze begraben liegt im Gefängnis unserer Vorstellungen, sondern da ist in unserem Leben - mitten drin; und der uns Leben gibt im Sterben, Sicherheit im Ungewissen, Frieden und Freude.

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