Sonntag, April 16, 2006

Da erkannten sie ihn ...


Aus dem hl. Evangelium nach Lukas 24:13 – 35

Am gleichen Tag waren zwei von den Jüngern auf dem Weg in ein Dorf namens Emmaus, das sechzig Stadien von Jerusalem entfernt ist.
Sie sprachen miteinander über all das, was sich ereignet hatte.
Während sie redeten und ihre Gedanken austauschten, kam Jesus hinzu und ging mit ihnen.
Doch sie waren wie mit Blindheit geschlagen, sodass sie ihn nicht erkannten.
Er fragte sie: Was sind das für Dinge, über die ihr auf eurem Weg miteinander redet? Da blieben sie traurig stehen,
und der eine von ihnen - er hieß Kleopas - antwortete ihm: Bist du so fremd in Jerusalem, dass du als einziger nicht weißt, was in diesen Tagen dort geschehen ist?
Er fragte sie: Was denn? Sie antworteten ihm: Das mit Jesus aus Nazaret. Er war ein Prophet, mächtig in Wort und Tat vor Gott und dem ganzen Volk.
Doch unsere Hohenpriester und Führer haben ihn zum Tod verurteilen und ans Kreuz schlagen lassen.
Wir aber hatten gehofft, dass er der sei, der Israel erlösen werde. Und dazu ist heute schon der dritte Tag, seitdem das alles geschehen ist.
Aber nicht nur das: Auch einige Frauen aus unserem Kreis haben uns in große Aufregung versetzt. Sie waren in der Frühe beim Grab,
fanden aber seinen Leichnam nicht. Als sie zurückkamen, erzählten sie, es seien ihnen Engel erschienen und hätten gesagt, er lebe.
Einige von uns gingen dann zum Grab und fanden alles so, wie die Frauen gesagt hatten; ihn selbst aber sahen sie nicht.
Da sagte er zu ihnen: Begreift ihr denn nicht? Wie schwer fällt es euch, alles zu glauben, was die Propheten gesagt haben.
Musste nicht der Messias all das erleiden, um so in seine Herrlichkeit zu gelangen?
Und er legte ihnen dar, ausgehend von Mose und allen Propheten, was in der gesamten Schrift über ihn geschrieben steht.
So erreichten sie das Dorf, zu dem sie unterwegs waren. Jesus tat, als wolle er weitergehen,
aber sie drängten ihn und sagten: Bleib doch bei uns; denn es wird bald Abend, der Tag hat sich schon geneigt. Da ging er mit hinein, um bei ihnen zu bleiben.
Und als er mit ihnen bei Tisch war, nahm er das Brot, sprach den Lobpreis, brach das Brot und gab es ihnen.
Da gingen ihnen die Augen auf und sie erkannten ihn; dann sahen sie ihn nicht mehr.
Und sie sagten zueinander: Brannte uns nicht das Herz in der Brust, als er unterwegs mit uns redete und uns den Sinn der Schrift erschloss?
Noch in derselben Stunde brachen sie auf und kehrten nach Jerusalem zurück und sie fanden die Elf und die anderen Jünger versammelt.
Diese sagten: Der Herr ist wirklich auferstanden und ist dem Simon erschienen.
Da erzählten auch sie, was sie unterwegs erlebt und wie sie ihn erkannt hatten, als er das Brot brach.



Auch bei diesen beiden Männern ist die Verbindung zu Jesus unverkennbar; wie bei den Frauen heute Nacht und heute vormittags im Evangelium: die Frauen im nächtlichen Osterevangelium wollten Jesu Leichnam einbalsamieren. Magdalena heute Vormittag suchte Jesus, den sie nicht mehr im Grabe vorfand.
Die beiden Männer auf dem 11 km langen Weg von Jerusalem nach Emmaus gehörten zu seinen Jüngern; sie haben in Jerusalem jenen Ort verlassen, an dem das Schicksal Jesu im Tod am Kreuz grausam zu Ende ging; mit den übrigen Jüngern haben sie jene Gemeinschaft verlassen, die drei Jahre lang Jesu Worte gehört und seine Werke erlebt hat. Und schließlich haben sie miteinander über all das gesprochen, was sich mit Jesus in Jerusalem ereignet hatte: Sie haben so was wie eine Nachlese gehalten über diese traurigen Ereignisse. Und dass sie sich dabei von Jerusalem und den übrigen Jüngern entfernt haben dürfen wir als Auflösungserscheinung einer Gemeinschaft betrachten, die in Jesus die tragende und verbindende Mitte verloren hat. Wir können sagen: die lebensgeschichtlichen und emotionalen Verbindungen mit Jesus sind stark – so stark, dass sie ihn selber nicht erkennen, als er zu ihnen stößt und sich ihnen anschließt. Wie heißt es: „Sie waren wie mit Blindheit geschlagen, so dass sie ihn nicht erkannten.“ (Lk 24,16) Und dabei waren sie schon mit der aktuellsten Nachricht über Jesus konfrontiert: „Einige Frauen aus unserem Kreis haben uns in große Aufregung versetzt. Sie waren in der Frühe beim Grab, fanden aber seinen Leichnam nicht. Als sie zurückkamen, erzählten sie, es seien ihnen Engel erschienen und hätten gesagt, er lebe. Einige von uns gingen dann zum Grab und fanden alles so, wie die Frauen gesagt hatten; ihn selbst aber sahen sie nicht.“ (Lk 24,22-24) Die zwei haben die Botschaft von Jesu Auferstehung bereits vernommen! Aber keine Freude, kein neues Leben! Sie sind noch mit dem alten Sauerteig erfüllt. (vgl. 1Kor 5,7) Sie können nicht glauben!
Wie reagiert Jesus auf das Verhalten seiner beiden Jünger? Er hält ihnen zwar ihre Schwerfälligkeit im Glauben vor. Merkwürdigerweise macht er aber nicht kurzen Prozess mit ihnen und sagt: „Ich bin es selbst! Fasst mich doch an!“ (Lk 24,39) Nein, er geht mit ihnen einen „Umweg:“ Die erste Station dieses Umweges sind die Schriften des ersten Bundes: „Und er legte ihnen dar, ausgehend von Mose und allen Propheten, was in der gesamten Schrift über ihn geschrieben steht.“ (Lk 24,27) Das wird im Wesentlichen nichts anderes gewesen sein, als all das, was auch wir in den Tagen vor Ostern gehört haben und was er selber schon in den drei Jahren Wanderschaft seinen Jüngern erzählt hat: die Geschichte mit der Schlange etwa, die Moses in der Wüste erhöht hat; oder die 4 Lieder vom Gottesknecht beim Propheten Jesaja und schließlich z.B. Psalm 22. Das sind alles Texte, die wie ein Vorlauf beim Schnapsbrennen noch nicht das Wahre sind aber auf die Erfüllung durch Jesus hinweisen. Diese 1. Station zeigt Wirkung: Indem er ihnen so den Sinn der Schrift erschloss, begann ihr Herz zu brennen (vgl. Lk 24,32) Aber der Ostergroschen fiel noch nicht; das Osterlicht ging ihnen noch nicht auf; zum Durchbruch braucht es noch mehr – nämlich die 2. Station: „Und als er mit ihnen bei Tisch war, nahm er das Brot, sprach den Lobpreis, brach das Brot und gab es ihnen. Da gingen ihnen die Augen auf und sie erkannten ihn.“ (Lk 24,30f.) Die Mahlgemeinschaft, die er vor seinem Leiden mit ihnen gehalten hatte, das Letzte Abendmahl, das er auf seinen Tod hin gedeutet, gegessen und getrunken hat – das brachte den Durchbruch. Ihre Trauer wandelt sich in Freude, sie brechen auf und kehren sogleich in die Gemeinschaft der übrigen Jünger zurück. Jesus erweist sich erneut als die Gemeinschaft stiftende Mitte seiner Jünger; nunmehr aber als der Auferstandene, der immer bei ihnen bleiben wird als ihre Mitte und ihr Haupt.

Schauen wir von der Geschichte mit den Emmausjüngern nun auf unser Leben. Ist es nicht so, dass auch wir zwar die Botschaft von Jesu Auferstehung hören, aber uns auch schwer tun zu glauben? Die Ursachen für unsere Schwerfälligkeit zu glauben können allerdings verschieden sein: Eine wäre, dass Wir mit unserem Unglauben zufrieden sind; wir haben uns mit ihm arrangiert und uns in ihm eingerichtet; Jesus selber zu sehen, sind wir eigentlich nicht interessiert, denn wir ahnen, dass dann unser Leben ein total anderes wird; dann geht’s unserem alten Menschen an den Kragen, und der alte Sauerteig der Bosheit und Schlechtigkeit (vgl. 1Kor 5,8) wird mit einem kräftigen Fußtritt auf nimmer Wiedersehen vor die Tür gesetzt. Der neue Mensch wird geboren auf abenteuerliche und schmerzhafte Weise. Wie wohl wir diesen neuen Menschen nun zwar im Herzensgrund ersehnen – so ist die Anhänglichkeit an den gewohnten alten Menschen und die Angst vor einer schmerzhaften Neugeburt doch größer und möchte am Status quo unseres Lebens festhalten.
Und dann gibt es den Glauben, der so gern möchte und einfach noch nicht kann, der Glaube, der betet: „Ich glaube, Herr, hilf meinem Unglauben!“ (Mk 9,24) Das ist ein Glaube, der Jesus sehen möchte. Ein Glaube, dem Jesus genommen wurde und der Jesus in jener neuen Weise noch nicht sehen kann, in der sich der Herr ihm schenken möchte. Mit diesem ungläubigen Glauben sollten auch wir dem nachgehen, was uns bisher mit dem Herrn verbunden hat im Verlauf unseres Lebens: Was wir etwa mit ihm erlebten als Kinder, als Ministranten, in einer Jugendgruppe, in einer ersten begeisterten Liebe zu ihm. Und wir tun gut, wenn wir das in Gemeinschaft tun – im Gespräch, im Austausch. Und dann gehen wir mit diesem Jesus den Umweg der Emmausjünger – über die hl. Schriften beider Testamente und über die Eucharistie. Dies wird auch unsere Herzen in neuem Feuer brennen lassen und uns neue Augen schenken – Osteraugen, die den Herrn als den Auferstandenen neu erkennen werden. Und als neue Menschen werden auch wir dann mit Maria Magdalena singen können: „Er lebt, der Herr, meine Hoffnung!
Ja, der Herr ist auferstanden, ist wahrhaft erstanden. Du Sieger, König, Herr, hab Erbarmen! Amen. Halleluja.“ (aus der Ostersequenz)

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