Sonntag, Januar 29, 2006

Mit Jesus zu tun haben


Aus dem hl. Evangelium nach Markus 1:21 – 28


Sie kamen nach Kafarnaum. Am folgenden Sabbat ging er in die Synagoge und lehrte.
Und die Menschen waren sehr betroffen von seiner Lehre; denn er lehrte sie wie einer, der (göttliche) Vollmacht hat, nicht wie die Schriftgelehrten.
In ihrer Synagoge saß ein Mann, der von einem unreinen Geist besessen war. Der begann zu schreien:
Was haben wir mit dir zu tun, Jesus von Nazaret? Bist du gekommen, um uns ins Verderben zu stürzen? Ich weiß, wer du bist: der Heilige Gottes.
Da befahl ihm Jesus: Schweig und verlass ihn!
Der unreine Geist zerrte den Mann hin und her und verließ ihn mit lautem Geschrei.
Da erschraken alle und einer fragte den andern: Was hat das zu bedeuten? Hier wird mit Vollmacht eine ganz neue Lehre verkündet. Sogar die unreinen Geister gehorchen seinem Befehl.
Und sein Ruf verbreitete sich rasch im ganzen Gebiet von Galiläa.



I

„Was haben wir mit dir zu tun, Jesus von Nazaret?“ Damit fragt der unreine Geist, was sie denn mit Jesus gemein hätten; was Jesus denn von ihnen wolle; was er bei ihnen verloren habe. Mit dieser Frage verschließen sie sich Jesus; sie verweigern ihm Eintritt in ihr Leben.
Dieser Geist ist auch heute lebendig, wenn Jesus der Zugang zum Leben verweigert wird. Wenn ihm Bereiche des Lebens entzogen werden; wenn ihm gesagt wird: Hier hast du nichts zu sagen.
Dieser Geist ist dort lebendig, wenn versucht wird, das Leben ohne Jesus zu gestalten; sich selbst zu erlösen. Wo man entweder sich selber überschätzt oder Jesus unterschätzt. Auch das Leben von uns Gläubigen ist nicht automatisch vor diesem Geist sicher. Auch wir geraten immer wieder in die Versuchung, eigenständig zu denken, zu reden und zu handeln gerade so als gäbe es Jesus nicht, als hätte er uns nichts zu sagen, als hätte er in seinen Weisungen und in seinem Vorbild keinen Maßstab für unser Leben; als wüsste er nicht den Weg, der zum wahren Glück führt. So sehen wir ihn etwa sehr wohl zuständig, wenn es uns schlecht geht und wir über unser Leben zu klagen haben. Dann brauchen wir ihn als Watschenmann. Wie schnell aber hört seine Zuständigkeit auf, wenn es uns wieder gut geht.
Ja sogar bis in die innersten Bereiche unseres Betens machen wir dem Herrn seine Kompetenz streitig – einfach dadurch, dass wir ihn in seiner Zuständigkeit nicht ernst nehmen. Dies zeigt sich darin, dass wir mit geringem Glauben ins Gebet gehen und mit schwachem Vertrauen uns immer wieder ihm zuwenden, nachdem die zahlreichen Zerstreuungen uns von ihm weggezogen haben. Ähnlich ist es bei der hl. Messe: Was beschäftigt uns da nicht alles während wir die Worte der hl. Schrift hören, die Worte Jesu selber; wo gehen unsere Gedanken hin, während er selber zu uns spricht? Womit sind unsere Empfindungen beschäftigt, während er selber bei der Wandlung in den Gestalten von Brot und Wein unter uns gegenwärtig wird? Und was geht nicht alles in uns vor, während wir zur Kommunion gehen, um ihn selber leibhaftig zu empfangen. In all dem meldet sich jener Geist zu Wort, der im Evangelium Jesus fragt: Was haben wir mit dir zu tun, Jesus von Nazaret?
Wie sollen wir mit diesem Geist bloß umgehen? Sollen wir uns auf endlose Diskussionen mit ihm einlassen? Aber genau das möchte er ja, damit er sein Ziel erreicht, uns von Jesus abzuziehen und uns von ihm fern zu halten!
Behandeln wir ihn wie Jesus: Hat der lang mit ihm diskutiert? Hat der lang gefackelt mit diesem Geist? Keine Rede! Jesus hat vielmehr kurzen Prozess mit ihm gemacht: Schweig und verlass ihn!
Ebenso müssen auch wir uns diesem Geist gegenüber verhalten, sobald er uns plagt und von Jesus entfernen möchte: Schweig und verlass mich! Indem wir dabei an Jesus denken und jene Worte verwenden, die aus seinem heiligen Munde gekommen sind, dürfen wir gewiss sein, dass sie auch jetzt in mir jene Kraft haben wie im Evangelium und mich von diesem unreinen Geist befreien werden. Damit werde ich frei für eine erneute, ganze Zuwendung zum Herrn. Verfahren wir mit diesem Geist nicht nur im Gebet und bei der hl. Messe auf diese Weise sondern ebenso im alltäglichen Leben, dann werden wir sehr bald merken, wie erlöst unser Leben durch die Kraft Jesu wird. Wir werden uns zunehmend als eine neue Schöpfung in Christus entdecken, als Menschen der Gnade Gottes, als seine geliebten Kinder. Unser Leben wird frei, damit der Geist Gottes in ihm wirken kann. Wir werden mit den Worten aus der 2. Lesung dem Herrn in rechter Weise und ungestört dienen können.
Danken wir dem Herrn, dass wir mit unserem zerrissenen Herzen und unserem aufgeteilten Leben immer zu ihm kommen dürfen, damit er Herz und Leben ganz machen kann in der Ausrichtung auf ihn, der unsere wahre Freude sein möchte, unser Friede und unsere Versöhnung, unser Weg, unsere Wahrheit, unser Leben.
Maria, seine Mutter, sei uns Fürsprecherin und Vorbild darin, wie auch wir unser Herz ungeteilt bei ihm haben können, wie auch wir tun können, was er uns sagt, da nur er allein es erfüllen, nur er allein seine Sehnsucht stillen kann in der Liebe zu Gott und zu den Menschen.


II

Ein merkwürdiger Geist, der uns da im Evangelium begegnet: Er weiß um die Heiligkeit Gottes in diesem Jesus von Nazaret – und will dennoch nichts mit ihm zu tun haben; ja, er hat sogar Angst, von diesem Jesus vernichtet zu werden! Ein Geist im Widerspruch, in der Zerrissenheit von Wissen und Streben.
Ein Gegenbeispiel mag uns die Unmöglichkeit dieses Geistes vor Augen führen: Bartimäus, der blinde Bettler an der Straße. Wie dieser weiß, dass da eben Jesus vorbeigeht und er in ihm den Sohn Davids, also den Messias, erkennt führt ihn dieses Wissen sogleich zum Ruf: Hab Erbarmen mit mir! Dieses Wissen zieht ihn in die Nähe Jesu; dieses Wissen erweckt seinen Glauben und sein Vertrauen, dass dieser Jesus ihn retten kann (vgl. Mk 10, 47 – 52).
Was können wir dem entnehmen? Dass Wissen um Jesus allein nicht genügt! Dass dieses Wissen allein nicht glücklich macht! Dass dieses Wissen allein nicht zu Jesus führt! Dass dieses Wissen allein nicht erlöst und befreit.
Es muss dazukommen die Ergriffenheit des Herzens im Glauben, dass dieser Jesus der Heilige Gottes ist um uns Menschen willen; zu unserer Erlösung und Befreiung; es muss dazukommen das Vertrauen, das mich mein Leben so wie es ist in die Hände Jesu legen lässt. Das diesem Jesus alle Türen meines Lebens öffnen will – gerade die Kellertüren meines Lebens. Keinen Winkel darf es in meinem Leben geben, der mit dem Ungeist des heutigen Evangeliums sagen könnte: Was habe ich mit dir zu tun, Jesus von Nazaret! Jener Geist soll vielmehr in uns sein, der spricht: Jesus, ich weiß, du bist der Heilige Gottes! So komm, und heilige auch mich! Ich weiß, du bist das Licht der Welt! So komm, und erleuchte auch mich! Ich weiß, du bist der Heiland! So komm, und heile auch mich! Ich weiß, du bist der gute Hirt! So komm, und führe auch mich auf den Weg des Lebens! Ich weiß, du bist die Auferstehung und das Leben! So komm und löse auch mich aus den Fesseln des Todes! Ich weiß, du bist der Sohn des lebendigen Gottes! So komm, und führe auch mich zu deinem Vater!
Dieser Geist muss in uns sein und in uns reden und in uns beten! Und wir wissen es ist diese der Geist des Herrn, der Heilige Geist, der Geist, in dem wir bekennen: Jesus Christus ist der Herr zur Ehre Gottes des Vaters!
Meine Lieben! Wir müssen uns dessen klar sein, dass dieser in sich gespaltene Geist nicht umsonst vor unsere Augen tritt. Damit soll uns gesagt sein, dass auch wir Christen keineswegs vor ihm sicher sind. Ja, ich wage sogar die Behauptung, dass dieser Geist in uns lebendiger ist als wir meinen und als uns lieb ist.
Denn es ist genau der Geist, der weiß, dass wir zum Gottesdienst kommen, dass wir das Wort des Herrn hören, dass wir dem Geheimnis der eucharistischen Wandlung beiwohnen, dass wir den Herrn bei der Kommunion zu uns nehmen, dass wir zur Beichte gehen, dass wir beten. Dieser Geist weiß das alles und dennoch spricht er dann im alltäglichen Leben: Was haben wir mit dir zu tun, Jesus von Nazaret! Da haben wir diese Widersprüchlichkeit greifbar in unserem eigenen Leben vor uns: Auf der einen Seite das liturgische und fromme Wissen um Jesus – und auf der anderen Seite das praktische Verleugnen Jesu im Alltag. Wir sind Wissende – aber wir tun unser Wissen nicht! Darum macht uns dieses Wissen nicht glücklich und unser Tun führt nicht zum Frieden! Wir wissen, dass wir ein Tempel des Herrn sein sollen – aber wir lassen ihn nicht darin wohnen! Solange aber der Herr nicht in uns Heimat findet, werden auch wir heimatlos und ruhelos sein unser Leben lang. Darum ist es so wichtig, dass wir gerade mit dieser Uneinigkeit unseres Lebens immer und immer wieder vor den Herrn treten, damit er diesem Ungeist in uns gebiete: Schweig und verlass ihn! Im heutigen Evangelium leuchtet auf, was in einem Lied über Jesus so besungen wird: O Jesus, all mein Leben bist du, ohne dich nur Tod. Meine Nahrung bist du, ohne dich nur Not. Meine Freude bist du, ohne dich nur Leid. Meine Ruhe bist du, ohne dich nur Streit!
Es wird deutlich: Wir sind berufen, in Jesus Christus eine neue Schöpfung zu sein! Danken wir für diese Berufung und lassen wir keine Gelegenheit aus, uns die Einheit von christlichem Wissen und christlichem Handeln von Jesus erneuern zu lassen und diese Einheit durch unser Leben in Kirche und Welt zu bezeugen.
 

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