Samstag, Januar 14, 2006

Seht das Lamm Gottes



Aus dem hl. Evangelium nach Johannes 1: 35 - 42


35 Am Tag darauf stand Johannes wieder dort und zwei seiner Jünger standen bei ihm.
36 Als Jesus vorüberging, richtete Johannes seinen Blick auf ihn und sagte: Seht, das Lamm Gottes!
37 Die beiden Jünger hörten, was er sagte, und folgten Jesus.
38 Jesus aber wandte sich um, und als er sah, dass sie ihm folgten, fragte er sie: Was wollt ihr? Sie sagten zu ihm: Rabbi - das heißt übersetzt: Meister -, wo wohnst du?
39 Er antwortete: Kommt und seht! Da gingen sie mit und sahen, wo er wohnte, und blieben jenen Tag bei ihm; es war um die zehnte Stunde.
40 Andreas, der Bruder des Simon Petrus, war einer der beiden, die das Wort des Johannes gehört hatten und Jesus gefolgt waren.
41 Dieser traf zuerst seinen Bruder Simon und sagte zu ihm: Wir haben den Messias gefunden. Messias heißt übersetzt: der Gesalbte (Christus).
42 Er führte ihn zu Jesus. Jesus blickte ihn an und sagte: Du bist Simon, der Sohn des Johannes, du sollst Kephas heißen. Kephas bedeutet: Fels (Petrus).




Es ist bemerkenswert, wie bei Johannes die ersten Jünger zu Jesus kommen. Bei den anderen drei Evangelisten ergreift Jesus die Initiative und geht auf die Leute zu: Er spricht sie mitten unter der Arbeit an und fordert sie auf: „Kommt, folgt mir nach!“ (Mk 1,17 parr.) Und sie lassen ihre Arbeit sein und folgen Jesus.
Nicht so bei Johannes: Da geht Jesus vorüber, fällt nicht weiter auf, ist wie die anderen Menschen auch. Nur einen gibt es, der weiß von Jesus mehr, als nach außen sichtbar ist: Johannes der Täufer! Und er behält sein Wissen von Jesus nicht für sich. Er teilt es seinen beiden Jüngern mit, die gerade bei ihm stehen – Andreas heißt einer von ihnen: Siehe, das Lammes Gottes! Dieser Hinweis ist eine Zusammenfassung vom Zeugnis, das der Täufer am Vortag über Jesus abgelegt hat: Dass er das Lamm Gottes ist, das die Sünde der Welt hinweg nimmt; dass er auf ihn den Geist in der Gestalt einer Taube herab fahren und bleiben hat sehen; dass Gott zu ihm gesagt habe, dieser Jesus werde mit dem Heiligen Geist taufen; dass dieser Jesus kurz und gut der Sohn Gottes sei!
Es ist also nicht Jesus, der die beiden einlädt: Kommt, folgt mir nach!
Es ist Johannes, der die beiden indirekt auffordert: Kommt, folgt ihm nach!
Und als Jünger des Johannes haben sie jene religiöse Neugierde gehabt, die sie sogleich diesem Jesus nachlaufen lässt!
Darf ich noch einmal auf den Täufer hinweisen und sein Verhalten in Bildern festhalten: Er ist wie eine Brücke, auf der seine Jünger zu Jesu Jüngern werden. Er zündet gleichsam die Lunte, die ihr ganzes Leben hindurch nicht mehr verlöschen wird. Er ist wie ein Verkäufer in seinem Brotladen, der seine Kunden auf das beste Stück in seinem Sortiment hinweist. Und die beiden Jünger greifen zu und lassen nicht mehr los.
Wie sehr spricht doch dieses Verhalten des Täufers gegen jede Privatisierung der Beziehung zu Jesus; wie sehr lädt doch sein Verhalten dazu ein, über das Wissen und die Erfahrung mit Jesus zu sprechen, es zu verkünden und zu bezeugen. Vielleicht fallen uns gerade jetzt jene Menschen ein, die wie der Täufer uns ihren Glauben an Jesus vorgelebt und mitgeteilt haben, die uns erzählt haben, was sie von Jesus erfahren, geglaubt und gewusst haben. Wir können nicht genug für diese Menschen danken.
Der Täufer fragt uns durch sein Verhalten auch, wie es mit unserem Wissen um Jesus und um unsere Erfahrung mit ihm steht? Was machen wir damit? Behalten wir es für uns? Teilen wir es mit in Wort und Tat?
Wir haben in der Lesung aus dem 1. Buch Samuel ja ein weiteres Beispiel dieser Offenheit. Der alte Priester Eli behält seine Erfahrung und sein Wissen auch nicht für sich sondern hilft damit dem jungen und noch unerfahrenen Samuel zu einer persönlichen Gottesbegegnung.
Eli und Johannes haben dies gemeinsam: Sie führen ihre Jünger vom Gespräch über den Herrn zum Gespräch mit dem Herrn! Wir dürfen daraus wohl grundlegend erkennen, dass jedes Denken und Reden über Gott zur persönlichen Begegnung mit Gott hinführen muss; ansonsten bleibt es leer und fruchtlos. Das ist bei jeder religiösen Erziehung und Unterweisung zu bedenken.

Doch schauen wir nun auf Jesus und die beiden Jünger, die ihm folgen. Jesus spricht sie auf der sachlichen Ebene an: „Was sucht ihr?“ Die beiden stellen jedoch gleich klar: Nicht etwas wollen sie von ihm; ihn selber wollen sie; allerdings nicht direkt sondern über sein Zuhause: Deshalb die Frage: „Wo wohnst du?“ Etwa nach dem Schema: Sage mir wo und wie du wohnst und ich sage dir, wer du bist. Diese Frage nach der Wohnung Jesus ist die Frage nach seiner Herkunft; die Frage nach seiner Lebensweise; die Frage nach seiner Lebensmitte.
Und Jesus verweigert sich nicht. Er ist offen für sie und bereit, ihnen seine Wohnung zu zeigen. Dabei ist er völlig ungeniert und muss sie nicht erst hinhalten, weil er vorerst zuhause aufräumen müsste. Er lebt offenbar so, dass er jederzeit jedem, den es interessiert, zeigen kann, wo er wohnt; mit anderen Worten: Jesus ist bereit, sein Leben zu teilen, mitzuteilen, herzugeben. Wir bemerken bei Jesus im Grunde die gleiche Offenheit, sein Leben zu teilen, wie bei Johannes und bei Eli. Der Lebensraum Jesu ist offen für alle, die zu ihm kommen; damit sie sich darin niederlassen und sich in der Gemeinschaft mit ihm entfalten. Das Wenige, das Johannes bereits von Jesus gesagt hat lässt erahnen, welch unermessliche Fülle jene erwartet, die sich ihm anschließen.
Der Frage Jesu an die beiden Jünger müssen auch wir uns immer wieder stellen: Was sucht ihr? Wir müssen uns immer wieder fragen lassen, was wir von Jesus wollen; ob wir nur irgendetwas von ihm wollen; ob wir überhaupt bewusst und gezielt etwas von ihm wollen; oder – ob wir ihn selber wollen; und wie sehr wir ihn wollen; wie ungeteilt; wie ausschließlich? Fragen, deren Antwort uns zu einer lebendigen, weil persönlichen Begegnung mit ihm führen wollen; von Angesicht zu Angesicht und von Herz zu Herz.
Sollten diese Fragen jedoch im Hinblick auf Jesus eine große Leere in uns aufzeigen, dann gehen wir doch schleunigst dorthin, wo Jesus wohnt: In die hl. Schriften, die von ihm berichten, in die Gemeinde, die ihn feiert, zu Menschen, die Zeugnis von ihm ablegen, in die Räume des Gebetes, die er erfüllt. Lernen wir dort den Herrn wieder bewusst kennen, lassen wir uns dort von ihm mit ihm füllen.
Und sehen wir doch wie schnell die beiden Jünger von Jesus lernen; kaum sind sie einen Tag bei ihm und schon werden auch sie zu Menschen, die erzählen, dass sie in ihm den Messias, Christus, gefunden haben und die andere zu Jesus hinführen. So sollen auch wir Christen werden: Brunnen, die Christus enthalten und aus denen Christus fließt.

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